Daily China

Alles rund ums Reich der Mitte

Gehört in … München

Oktober8

In Paris habe ich mir letztens ein Buch gekauft, in dem humorvolle Gesprächsfetzen, die jemand auf der Straße oder in der Metro aufgeschnappt hat, gesammelt waren. Echt lustig, was da so zusammen kam. Aber ehrlich gesagt kann ich da mit meinen Erlebnissen aus dem MVV mithalten … So zum Beispiel heute, an einer Bushaltestelle in Uni-Nähe:

Ich sag’s euch: in China sieht man auf den Straßen überhaupt keine Unfälle! Die Leute fahren zwar recht chaotisch, aber sie achten auch mehr aufeinander: wenn der Autofahrer gesehen hat, dass du ihn gesehen hast, dann musst du ihm ausweichen; wenn er sieht, dass du ihn nicht siehst, hält er eben an. Funktioniert auch auf großen Kreisverkehren.

Ehrlich, ich musste an mich halten, sonst hätte ich dem lieben Jungen vor seinen versammelten Freunden mal ein paar Zahlen genannt. Chinas Statistik für Verkehrstote ist so ähnlich wie die für Hingerichtete: in absoluten und relativen Zahlen weit, weit vorne. Wer es genau wissen will: auf 1 Mio. Einwohner kommen in China 384 Verkehrstote, in Deutschland 50. Auf Fahrzeuge umgerechnet wird es sogar noch dramatischer: in Deutschland kommen nach meinen Berechnungen auf 100 000 Autos 8,3 Verkehrstote. Für China habe ich verschiedene Angaben für Autos/Einwohner gefunden und daher mit einem Mittelwert von 50 Mio. Autos in China gerechnet. Das bedeutet, dass auf 100 000 Autos in China 1000 Verkehrstote kommen – das 125-fache des deutschen Werts!!! Dass man da die Toten nicht auf der Straße herumliegen sieht (was mir auch noch nicht passiert ist), ist wirklich erstaunlich.

Ich gebe zu, dass ich auch manchmal Sachen behaupte, bei denen ich mich nur auf mein Bauchgefühl verlasse. Aber soo daneben liege ich wohl selten. Es bleibt dabei: wer keine Ahnung hat – einfach mal Klappe halten.

Quellen:

Chinesische Verkehrswelten – Harmonisches Chaos

Zahl der Privatfahrzeuge in China nimmt zu

Wikipedia

Freundliche Hilfeleistung oder illegales Taxi?

September18

Man liest ja so einige scheinbar unglaubliche Vorfälle aus China, aber diese Geschichte (erschienen in der Southern Metropolis Daily und übersetzt von ESWN) finde ich dann doch besonders dreist.

Zhang Yuan war auf dem Weg zur Arbeit, als er an einer Ampel von einem Mann angesprochen wurde. Dieser hatte angeblich Bauchschmerzen und wollte nur schnell nach Hause, konnte aber keine Taxi finden. Nach einigem Hin und Her gab Zhang Yuan schließlich nach und fuhr ihn zu angegebener Adresse. Geld lehnte er ausdrücklich ab  – was ihm aber nichts half, als er am Zielort von dem Mann die Autoschlüssel abgenommen bekam und sich umringt sah von einer Gruppe Männer, die sich als Beamte der Verkehrsbehörde ausgaben und ihn nicht gerade zimperlich aus dem Auto zerrten. Autopapiere, Führerschein, Handy – alles wurde ihm abgenommen und ihm erst gegen Bezahlung einer Strafe zurückgegeben werden.

Gespräche mit der zuständigen Behörde verliefen durchwachsen: die einen sagte, es ginge ihn nichts an, wenn jemand krank sei, und er dürfe nun mal keine Fremden mitnehmen, die anderen meinte, er habe einfach nur Pech gehabt. Es wurde abgestritten, dass es sich um ein abgekartertes Spiel gehandelt habe, wenngleich ein Beamter zugab:

Es ist möglich, dass bestimmte Leute mit Rechtsbewusstsein mit den Behörden zusammenarbeiten.

Und das Ende vom Lied? Zhang Yuan musste, da er durch seine ständigen Beschwerden (und wahrscheinlich seine Postings im Internet) schlechtes Verhalten gezeigt habe, die volle Strafe in Höhe von 10000 Yuan zahlen und zusätzlich unterschreiben, dass er das Recht, sich zu verteidigen oder zu erklären, aufgebe. 

Solche Methoden sind in einem Land, zu dessen Tugenden ganz sicher nicht  Hilfsbereitschaft auf offener Straße gegenüber Fremden zählt, sicher der falsche Weg, um etwas am Status Quo zu ändern. Was ist aus dem Geiste Lei Fengs geworden? Oder auch nur der Zivilisiertheit von Olympia?

EastSouthWestNorth: Victims of Fishing Expeditions.

Die fahrenden Händler von Beijing

September13

Wer schon einmal längere Zeit in China gelebt hat, egal wo, der kennt sie: die fahrenden Händler, die die Straßen durchkreuzen und versuchen, ihre fertig geschälten Früchte oder Gebäckwaren an den Mann zu bekommen oder etwas Altpapier aufzugabeln. Sie sind selbst im Hupkonzert der Rush Hour unüberhörbar – aber was rufen sie eigentlich? So manche Stunde, wenn ich an meinem Schreibtisch, der direkt auf eine der Hauptkreuzungen Nanjings hinausging und eigentlich HSK-Übungen hätte wiederholen sollen, habe ich über diese Frage gegrübelt und bin immer zu dem Schluss gekommen, dass ich einfach noch besser Chinesisch lernen muss, um das zu verstehen. Nun stellt sich heraus: alles vergebene Liebesmüh! In dem Artikel gibt Chen Lin, ein Metallsammler, zu:

Niemand weiß wirklich, was ich rufe, aber die Leute erinnern sich an meine Melodie und kommen heraus.

Und das sagen die mir erst jetzt!!

Im Rest des Artikels geht es darum, dass es durch die Umgestaltung der Stadt (alte Hutong-Viertel werden abgerissen und dafür abgeschlossene Hochhaus-Viertel errichtet) für die Straßenhändler immer schwieriger wird, ein Auskommen zu finden. Ich persönlich mache mir da jedoch eher weniger Sorgen. Vor fast allen Hochhausvierteln sieht man Leute stehen und sitzen, die irgendwelche Waren oder Dienstleistungen anbieten. Sie sparen sich auch noch den Weg und das Geschrei, denn anstatt herumfahren zu müssen, kommen die Leute einfach zu ihnen. Das gilt für den lokalen Schuster genauso wie für die diversen Frühstücksstände – man weiß einfach, wo man seine Sachen finden kann (wobei es vorkommen kann, dass man sich zu gewohnter Zeit an einen gewohnten Ort begibt und man da nichts mehr vorfindet – dann waren die Chengguan wohl schneller). Die meisten dieser Stände lassen sich auch nicht durch den Gang zum Supermarkt ersetzen – und mal ehrlich, welcher Chinese würde schon freiwilig auf sein 小热闹 verzichten?

Roaming Beijing’s Alleys, Shouting Vendors Sow Echoes of the Past – NYTimes.com.

ZDF.de – Fußgänger in Gefahr

April8

Ein schon etwas älterer Artikel, aber am Verkehrszustand in Peking hat sich nichts geändert:

ZDF.de – Fußgänger in Gefahr.

Sehr empfehlenswert auch der Videobeitrag dazu.

Zhongguo de tedian – Der Verkehr

September9

Bekanntermaßen haben auch die Chinesen zwei Beine, zwei Arme und einen Kopf und führen ein Leben, das dem eines Europäers oder Amerikaners nicht ganz unähnlich ist. Auf den ersten Blick.

Allerdings sind es nun mal oft Kleinigkeiten, die den Unterschied machen. Deswegen möchte ich euch in der Rubrik Zhongguo de tedian (Besonderheiten Chinas) erzählen, was genau einem als Waiguoren (Ausländer) in China so komisch vorkommt.

Unser Thema heute: der Verkehr.

Erstmal zu den Gemeinsamkeiten: es gibt, zumindest in den Großstädten (und auf die müssen wir unseren Vergleich vorerst beschränken) ordentlich befestigte, mehrspurige Straßen, auf denen sich Busse, Autos, Fahrräder und teilweise auch Fußgänger fortbewegen. Desweiteren wird der Verkehr wie bei uns von Ampeln, Schildern und ab und zu Verkehrspolizisten geregelt. Jedenfalls in der Theorie.

In der Praxis herrscht eine strenge Hierarchie innerhalb der Verkehrsteilnehmer. An der Spitze der Nahrungskette stehen natürlich die Busse bzw. deren Fahrer, die hoch erhobenen Hauptes über dem gemeinem Fuß- und Radvolk thronen. An zweiter Stelle kommen die Taxis, die sich zur rechten Zeit das Privileg gönnen, Busspuren zu benutzen, und auch mal unbehelligt einen U-Turn über eine sechsspurige Straße machen dürfen, um sich einen Fahrgast zu schnappen. Nach den Taxis geht es von Mofas steil bergab zu den Fahrradfahrern, die dann nur noch eine Gruppe unter sich haben: die der Fußgänger. Und die sind im Verkehr des modernen Chinas das, was in einer feudalistischen Gesellschaft Sklaven waren. Fußgänger haben nämlich in China mangels eines durchsetzungsfähigen Lautträgers wie Hupe oder Klingel überhaupt keine Rechte. Gut, es gibt manchmal Fußgängerampeln und oft genug auch Zebrastreifen. Aber es kommt nie vor, dass ein Auto an einem Zebrastreifen anhält oder auch nur langsamer fährt. Nein, Zebrastreifen dienen nur dazu, Fußgängern zu signalisieren, wo rein technisch die Möglichkeit bestünde, die Straße zu überqueren – denn in Nanjing sind an fast allen Straßen am Rand Fahrradwege mit Zäunen abgesperrt, durch die man normalerweise nicht durchkommt – außer an Zebrastreifen eben. Aber da nur, wenn man entweder glaubt, dass man sehr schnell Zick-Zack laufen kann, oder ohnehin nicht an seinem Leben hängt.

Ich habe mir allerdings in den letzten Tagen (gezwungenermaßen) die Taktik der Chinesen angeeignet. Als Europäer ist man anfangs zu sehr von diesem Leaping Frog-Spiel (ihr wisst schon, das, wo der Frosch am Ende immer zerquetscht wird) beeinflusst. Zur Erinnerung: in diesem Spiel kann man sich immer nur in wohl definierten Spuren nach vorne bewegen. Und genauso darf man es auf chinesischen Straßen eben nicht machen. Stattdessen bewegt man sich schrittweise vor und versucht, auf einen zukommende Autos in die Nebenspur abzudrängen. Der geneigte chinesische Autofahrer wird dieser diskreten Bitte nachkommen und auf diese Weise tastet man sich langsam vor. Es kann natürlich auch vorkommen, dass während dieses Prozesses die Ampel in der Querstraße grün wird und man sich plötzlich in einem reißenden Strom von Mofas, Autos, Bussen und Fahrrädern wiederfindet. In diesem Fall: ruhig stehen bleiben, einmal kurz ein Mantra an Buddha ausstoßen – und die Zeitanzeigen neben der Ampel beobachten, denn die zeigen einem in Nanjing an wirklich jeder Straßenecke an, wer wie lange noch grün bzw. rot hat.

Auch für den Fall, dass alles gut geht, braucht man sich nicht zu wundern, wenn man angehupt wird. Hierbei handelt es sich keineswegs um eine bösartige Verwünschung. Denn im Gegensatz zu Deutschland, wo die Hupe als Mittel zur Warnung und zum Ausdruck der Verärgerung verwendet wird, dient sie in China lediglich als Hinweis, dass man sich jetzt nähert. Das erklärt auch, warum Chinesen sie ständig benutzen, und das wiederum, warum es die Schilder gibt, die ihr auf dem einen Foto seht.

Apropos Schilder: denen ist in Nanjing auch nicht zu vertrauen. Denn so ein Schild wie das auf Bild 4 heißt nicht etwa, das die nächste Straße rechst die Ninghailu ist und die danach die Hankoulu. Nein, das heißt nur, dass man irgendwann auf die Ninghailu treffen wird, wenn man demnächst links fährt. Das heißt, dass diese Straße durchaus auch parallel zur eigenen Straße verlaufen kann. Noch Fragen?

Zu guter Letzt noch ein Wort zu Spuren in China. Wie bereits erwähnt, sind die meisten Straßen Nanjings mehrspurig und haben auch einen eigenen Fahrradweg. Allerdings lautet ein Grundsatz der Chinesen: „Die Spuren sind für den Menschen da und nicht umgekehrt.“, was im Verkehr heißt, dass nach Belieben neue Spuren, gerne auch auf der Gegenfahrbahn, eröffnet werden können, und bereits vorhandene (Fahrradwege z.B.) auch von anderen Fahrzeugen (z.B. Autos) genutzt werden können. Allerdings muss man seine Absichten dem anderen mitteilen – wer in diesem Fall jedoch zum Blinker greift, hat sich schwer in der Konsequenz der Chinesen getäuscht – auch hier hilft natürlich nur die Hupe!

Fotos

Olympia 2008, die Expo 2010 … bei mir hat aber alles schon viel früher angefangen. Ich habe in der Schule Chinesisch gelernt, weil ich mal etwas Anderes machen wollte und weil ich Asien schon immer interessant fand. Sehr schnell wurde ich sehr sinophil und nach meinem ersten Sprachkurs in Shanghai im Sommer 2004 war mir klar, dass ich zurück will in dieses faszinierende Land – dann aber für länger. 2006 ging mein Traum dann in Erfüllung – für zwei Semester habe ich an der Universität Nanjing Chinesisch studiert, Erhu gelernt, chinesische Freunde gefunden, mich manchmal über den Alltag aufgeregt und bin natürlich im ganzen Land unterwegs gewesen. Meine Erfahrungen – vom Bewerbungsprozess für das China-Programm der Studienstiftung bis hin zu Reiseberichten – habe ich hier (wenn auch nicht immer regelmäßig) niedergeschrieben. Aber damit endet die Geschichte nicht: letztes Jahr war ich während der olympischen Spiele wieder in China und von März bis Mai diesen Jahres habe ich ein zweimonatiges Laborpraktikum in Peking gemacht. Und von 2010 bis 2011 habe ich im eisigkalten Harbin studiert.

Die meisten meiner Kategorien sind selbsterklärend, hier ein paar Hinweise für die übrigen:

Wenn ihr irgendwelche Fragen oder Anmerkungen habt, einfach kommentieren! Ich antworte bestimmt :-) .


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