Home, sweet home
Seit sechs Tagen wohne ich nun schon in meiner neuen Wohnung, die in einer chinesischen Siedlung fünf Minuten vom Institut entfernt liegt. Fast könnte man sagen, dass ich mich eingelebt hätte, wären da nicht immer wieder diese kleinen Ereignisse, die mich mit Zweifeln erfüllen: der Boiler hat ständig einen Wackelkontakt … das Abflussrohr in der Küche läuft nicht richtig ab, obwohl ich es quasi nicht benutzt habe … Aber mit ein bisschen Fleiß lassen sich die meisten Probleme über kurz oder lang lösen.
Wer noch nie in einer chinesischen Wohnung gewohnt hat, würde sich vielleicht immer noch über den Zustand der Küche oder des Bades wundern. Tatsächlich habe ich aber den ganzen Sonntag mit Putzen verbracht und was übrig blieb, sind die Farbkleckser der letzten Maleraktion (von Abkleben und derlei Schnickschnack haben die Chinesen noch nie etwas gehört) und die Kachelverfärbungen. Also habe ich den Boden jetzt als “rein” definiert, behalte aber mein Hausschuhe konsequent an
. Hinzu kommt nämlich auch, dass in China alles viel schneller schmutzig wird (fatale Kombination aus undichten Fenstern, ohnehin hoher Staubkonzentration und ständigen Bauarbeiten in irgendeiner der anderen Wohnungen), so dass man wirklich jeden Tag durchwischen muss/müsste.
Das Bad ist typisch chinesisch und wird deswegen bei jeder Dusche komplett unter Wasser gesetzt, trocknet aber auch erfreulich schnell. Der Boiler funktioniert jetzt wieder gut (ich habe einfach nochmal einen anderen Stecker in die Steckdose gesteckt, der da drinnen wohl wieder etwas gerade gerückt hat; jetzt hält jedenfalls auch der Boilerstecker wieder), die Toilette ist zumindest westlich. Sorgen macht mir noch die Sache mit dem Klopapier: angeblich verträgt das chinesische Abflusssystem kein Papier, aber ich KANN mich einfach nicht dazu durchzuringen und wie die Chinesen das benutzte Papier in den Müll werfen … die Vorstellung allein ist schon zu eklig. Und in Nanjing ist ja auch nichts Größeres an Überschwemmungen passiert. Außerdem ist das Bad recht dunkel, weswegen ich mir eine Schminkkommode im Schlafzimmer eingerichtet habe.
Im Vorraum steht nichts außer dem Kühlschrank und einem ehemaligen Bücherregal, das als Aufbewahrung für Geschirr und meine wenigen Lebensmittel dient. Für einen Tisch und Stühle bin ich a) zu kurz hier und esse b) zu selten zu Hause.
Auch die Küche ein schmuckloser Raum: den Gasherd werde ich wohl nur selten benutze und nach meinen letzten Erfahrungen werde ich auch das Waschbecken mit Vorsicht behandeln (meine Vermieterin behauptet übrigens, dass es ein U-Rohr ist, und ganz normal abläuft). Abflussrein ist jedenfalls immer in Reichweite *g*.
Die meiste Zeit verbringe ich dementsprechend in meinem Schlafzimmer, das groß, hell und beinahe gemütlich ist. Das Bett ist wunderbar, mit einer dicken(!) Matratze (ob der Vermieterin wohl egal ist, wenn sich meine Knochen verformen??). Schreibtisch, Bücherkommode und Schminktisch sowie ein großer, neuer Kleiderschrank und zwei Fernsehsessel – alles da, was man braucht. Den Fernseher selbst habe ich – zum völligen Unverständnis meiner Vermieterin – auf den Balkon verfrachtet. Ein paar Kleinigkeiten wie eine dicke Decke, eine anständige Lampe und vielleicht ein bisschen Deko fehlen noch, aber insgesamt fühle ich mich da schon recht wohl.
Einen Balkon gibt es also auch noch. Den zu putzen hatte ich mir bis zum Schluss aufgehoben, denn man kann sich vorstellen, wie der Boden aussieht, wenn der Staub nur eine einzige Reihe von sehr undichten und teilweise nicht schließbaren Fenstern durchdringen muss … zum Wäscheaufhängen und Kleider-Auslüften (Mensa lässt grüßen) ist er aber ideal und wer weiß, vielleicht werde ich da draußen sogar mal ein laues Lüftchen genießen, wenn der Frühling erst mal richtig da ist.
Das Interessanteste an meiner Wohnung ist wohl meine Vermieterin
. Eine waschechte Pekingerin, lautstark und mit vielen “ar’s” hinter jedem Wort. Sie kennt keinerlei Berührungsängste und lässt sich nicht erst lange hereinbitten. Ein Blick ins Zimmer ist Pflicht – teils, weil sie wohl Angst um ihre Wohnung hat, teils, weil sie neugierig ist, wie ich so lebe. Was ich zu essen da habe, wie ich die Waschmaschine einstelle, ob mein Pulli warm hält, all das sind Dinge, für die sie sich en detail interessieren kann *g*. Dafür kümmert sie sich auch rührend um mich, hat die Waschmaschine installiert und gleich einen Verlängerungsschlauch gekauft, ein neues Regal fürs Bad vorbeigebracht, will beim nächsten Mal Jiaozi (chinesische Teigtaschen) für mich mitmachen. Ich finde das Ganze einfach nur lustig; außerdem ist es gut, einen Ansprechpartner gleich in der Nähe zu haben (sie wohnt direkt neben mir und fragt deswegen auch schon mal, warum ich so spät ins Bett gegangen bin).
Fazit: klar sind die Wände hellhörig und das chinesischen Lüftungssystem funktioniert auch umgekehrt (jedenfalls erklärt nur das, warum es in meiner Küche nach Essen riecht, wenn nebenan gekocht wird, und mein Bad nach Rauch). Aber immerhin habe ich bis jetzt noch keine einzige Kakerlake gesehen und es ist witzig, Teil eines chinesischen Dorfes zu sein, wo jeder jeden kennt.