September18
Ich weiß schon, ihr dachtet bestimmt, ich hätte die große Kreuzung vor meiner Haustür einmal zu forsch überquert und wäre eine Zahl in der chinesischen Unfallstatistik geworden
. Aber ihr habt euch getäuscht! So leicht bin ich von ein paar verrückt gewordenen Mofafahrern nicht zu beeindrucken – inzwischen beherrsche ich sogar das Linksabbiegen, wobei mir zugegebenermaßen immer noch etwas mulmig zumute ist, wenn ich ganz allein mitten auf einer riesigen Kreuzung stehe und hoffe, dass die Ampel auch richtig geschalten ist und nicht der Gegenverkehr zuerst fahren darf. Aber genug von solchen Trivialitäten, die ihr ohnehin kennenlernen werdet, wenn ihr mich erstmal besucht.
Wie ihr vielleicht schon aus meinem Geplapper herauslesen könnt, geht es mir einfach blendend! Nanjing ist toll, ich habe die beste Gastfamilie, die man sich vorstellen kann, die Uni ist auch ganz cool (vor allem gewissen Kommilitonen ) und allmählich gewöhne ich mich auch an das chinesische Essen und finde sogar Sachen, die mir richtig gut schmecken (Tang Bao z.B., aber dazu später noch mehr). Bei all den Aktivitäten (diese Woche hatte ich auch noch Besuch) ist leider das Blog etwas auf der Strecke geblieben, aber das wird nachgeholt, versprochen! Kaum zu glauben, dass ich erst drei Wochen hier bin – und Deutschland trotzdem kein bisschen vermisse (euch natürlich schon
).
Liebe Grüße an alle, die trotz meiner Schreibfaulheit immer noch regelmäßig nach News suchen!
September13
Wer schon einmal in Asien war, weiß, dass die Asiaten mehr verbindet als Konfuzianismus und Hello Kitty. Karaoke ist das Stichwort und wirkte in unserem Fall sogar als Völkerverständigung. Anlässlich Tobis Besuch hatte ich nämlich zum ersten Karaoke-Abend der Sprachschüler der Nanda eingeladen. Schon die Auswahl des KTV’s (so heißen die Karaoke-Etablissements) stellte sich als Abenteuer heraus. Denn KTV’s gibt es zwar an jeder Ecke, allerdings sind Ausstattung und Preis höchst unterschiedlich. Die Palette reicht vom schäbigen Hinterzimmer mit Merry Christmas-Beleuchtung bis zu noblen Räumen im 9. Stock mit eigener Bar. Ohne chinesischen Beistand in Form von Marcus Makler hätten wir das Preissystem wohl nicht durchschaut. Letztendlich fanden wir dann aber doch etwas Passendes und hatten nach kurzer Aufwärmphase erstaunlich viel Spaß. Landestypische Unterschiede ließen sich natürlich nicht vermeiden (so wurden die Koreaner ihrem Ruf mehr als gerecht und legten sofort mit „Baby one more time“ los, wohingegen die Deutschen erst zum Ende hin ihre Gesangskünste (dann aber richtig! Ich sage nur: „Jailhouse Rock“ auspackten), aber insgesamt war es ein sehr netter Abend, bei dem sich wohl alle gut amüsiert haben, und der dementsprechend auch wiederholt werden muss.
Für alle, die sich nicht vorstellen können, warum es Spaß machen soll, leicht angeheitert in einem dunklen Zimmer zu sitzen und mittelmäßigem Gesang zu lauschen – probiert es aus! Das Tröstliche ist, dass man sich beim Singen nicht selber hört
.
September10
Samstagabend in Nanjing, was macht man da wohl? Erstmal geht man natürlich zur Wohnheim-„Party“ im Xiyuan, die diesmal von den Deutschen veranstaltet wurde und zur Abwechslung einigermaßen trocken (im Sinne von Regen) und mit etwas Musik ablief [b/t/w: die „Party“ am Freitag war mehr ein Grillabend bei Regen so dass wir stattdessen in eine mexikanische Bar gegangen sind – allerdings ist eine mexikanische Bar in China genauso absurd, wie es klingt]. Aber bei derartigen Partys trifft man zwangsläufig immer die selben Leute und nach dem dritten Bacardi Breezer beschlossen Marcus und ich, uns mal das berühmt-berüchtigte Scarlet anzusehen. Man muss wissen, dass in unserem Erfahrungsbericht als einzige Beschreibung steht: „Wer könnte ohne das Scarlet-Erlebnis Nanjing verlassen?“. Nun ja, das trifft es eigentlich ganz gut. Das Publikum ist erfreulicherweise gut gemischt (sowohl nationalitäten- als auch altersmäßig) und die Musik besteht zum großen Teil aus den westlichen „Party-Hits der 80er, 90er und des neuen Jahrtausends“. Dazu kommt dann noch ein gut gelaunter DJ, der mit „ Yi – er – san …“ (1,2,3) mitzählt, wie viele Schlucke man ohne Absetzen aus dem Bierhahn nehmen kann. Und das alles unter den strengen Blicken eines bzw. mehrerer total gelangweilten Polizisten in Uniform (auf deren Foto ihr leider verzichten müsst, da am Eingang sinngemäß stand, dass man den Security Staff achten soll – wollte nicht gleich beim ersten Mal hinausgeworfen werden). China ist, wenn man trotzdem Spaß hat! Die Chinesen erweisen sich auf der Tanzfläche als überaus kontaktfreudig (man kann es auch hartnäckig nennen, wenn jemand selbst nach eindeutigen Tanzbewegungen mit einer anderen Person immer noch fröhlich daneben steht und einen antanzen möchte) – ein eindeutiges Signal scheint wohl Thumbs Up zu sein, auch wenn ich noch herausfinden muss, wofür es steht.
Ihr seht schon, dass Nanjinger Nachtleben lässt keine Wünsche offen – das Coolste ist, dass man nachts um drei auf dem Heimweg (mit Fahrrad – endlich unabhängig von der letzten S-Bahn!) an diversen Garküchen noch seinen kleinen Hunger stillen kann. Und jetzt alle: „Yi – er – san …“
September10
Einer der Hauptattraktionen in Nanjing ist – zumindest nach Meinung der Chinesen – das Sun Yatsen Mausoleum, das außerhalb der Stadt in einem Naherholungsgebiet liegt. Zum Mausoleum selbst haben wir es diesmal noch nicht geschafft, denn der Berg ist wirklich groß und die Sehenswürdigkeiten zahlreich, dafür haben wir uns aber das Ming Xiao Ling (Ming Gräber) sowie die Allee mit den Steinfiguren und ein bisschen Park angesehen. Die Allee war wirklich cool – eine Straße, die von steinernen Tierpaaren gesäumt wird. Jedes Tierpaar ist zweimal vertreten – einmal in stehender und einmal in kniender Position, was wohl die Unterwerfung der Tiere symbolisieren soll. Die Statuen sind etwa lebensgroß (falls man bei Fabelwesen von Lebensgröße sprechen kann) und eignen sich demnach wunderbar zum Herumklettern. Eigentlich machen das wohl eher chinesische Kinder, aber als Ausländer hat man ohnehin seinen Ruf weg und kann sich deswegen ganz ungeniert auch sehr albern benehmen. Und das Schild, dass man nicht auf die Statuen klettern soll, stand immerhin ganz am anderen Ende der Allee J.
Die Ming-Gräber waren dann eher unspektakulär, denn das einzige, was es dort zu sehen gab, war eine Inschrift, dass hier Kaiser Soundso begraben liegt.
Was aber das eigentlich Tolle an dem Ausflug war, war, dass wir nur etwa 20 Minuten mit dem Bus gefahren sind, aber trotzdem in einer völlig anderen Umgebung waren – still, ruhig, fast keine Leute und sogar saubere Luft! Eignet sich sicherlich gut als Ausflugsziel für schöne Spätsommertage (wenn wir mal außer Acht lassen, dass es die letzten Tage meistens geregnet hat).
September8
Obwohl Nanjing keine besonders große Stadt ist, hat sie doch erstaunlich viele Universitäten. Ich habe sogar mal gehört, dass es 20 sein sollen, dazu zählen dann aber wohl auch Fachhochschulen und dergleichen. Die beiden größten sind jedenfalls die Nanjing University und die Nanjing Normal University. Ich studiere an der Nanjing University, die 1902 gegründet wurde. Mein Unterricht findet im Gulou-Campus statt. Wie die liebe TUM ist nämlich auch die Nanda in verschiedene Campi aufgeteilt; der Gulou-Campus ist direkt im Stadtzentrum; der Pukou-Campus liegt außerhalb Nanjings, etwa 1 Stunde Busfahrt entfernt. Auf dem Pukou-Campus leben und lernen die Studenten bis zum dritten Jahr; danach sind sie moralisch und ideologisch so gefestigt, dass sie zurück in die Stadt und dort sogar Kontakt mit Ausländern haben dürfen.
Das Gebäude, in dem unser Unterricht stattfindet, ist gerade erst fertig geworden und fungiert bald auch als neues Ausländerwohnheim.
Wie die meisten chinesischen Unis ist auch die Nanda eine Campus-Uni und die meisten Studenten leben in Wohnheimen rund um die Lehrgebäude. Die Bedingungen sind dort nicht gerade ideal: normale Studenten teilen sich oft mit bis zu 8 Leuten ein Zimmer. Andererseits wäre wohl sonst der Platzbedarf auch enorm: immerhin studieren an der Nanda mehr als 40 000 Studenten.
Heute haben wir uns auch zum ersten Mal getraut, fürs Mittagessen in die Mensa zu gehen (da es rund um die Uni viele kleine Imbissbuden und Schnellrestaurants gibt, ist das Verlangen nach weiteren billigen Verpflegungsstationen zumindest bei den Ausländern nicht so groß). Dort wurden wir angenehm überrascht: zum einen gibt es eine viel größere Auswahl und zum anderen schmeckt das Essen wirklich nicht schlecht. Auch der Service ist besser als in deutschen Mensen: es gibt verschiedene Stände, an denen man sich sein Menü zusammenstellen kann. Und bei manchen kriegt man sein Essen sogar an den Platz geliefert. Das sollte man sich mal bei uns vorstellen
.
Fotos