Daily China

Alles rund ums Reich der Mitte

Schwarze Teufelchen und grüne Mützen – und was das Internet wirklich über die chinesischen Meinung verrät

September16

Schon seit ich vor einigen Wochen auf ChinaSmack von dem Fall von Lou Jing gelesen hatte, wollte ich einen Artikel über Rassismus in China schreiben – und just heute stolperte ich über einen Beitrag zu genau diesem Thema bei Chinayouren. Und dass ich mit diesem nicht so sehr übereinstimmen, spornt mich erst recht an, endlich meinen Post in Angriff zu nehmen.

Zur Ausgangssituation: Lou Jing, Teilnehmerin bei einer chinesischen Fernsehshow, ist Chinesin – sie ist in Shanghai geboren und aufgewachsen und hat eine chinesische Mutter. Ihr Vater war allerdings schwarz. UND sie ist ein uneheliches Kind. Diese Vorgeschichte hat nun dann dazu geführt, dass sie sich im Internet wüsten Beschimpfungen ausgesetzt sieht. Ich persönlich finde sie ja ganz hübsch, während chinesische Kommentare sie als “Zebra” oder schlichtweg “häßlich” bezeichnen. Natürlich drängt sich einem hier der Gedanke an Rassismus auf und zweifelsohne, Chinesen sind rassistisch. Der Artikel auf Chinayouren kommt zwar zu dem Schluss:

Meiner Erfahrung ist China im Wesentlichen nicht rassistischer als andere Länder auch – was immer noch genug ist.

Aber nach meiner Erfahrung stimmt das nicht. Chinesen haben ein sehr klar definiertes Rassenbild, das sich, anders als bei uns, durch alle Bevölkerungsschichten hindurchzieht. Ganz oben steht, wie könnte es anders sein, das chinesische Volk. Han-Chinesen, wohlgemerkt. Westler nehmen einen Sonderstatus ein – einerseits sind sie natürlich auch nur Barbaren und ausländische Teufel. Andererseits sind sie auch irgendwie witzig und manchmal sogar nachahmenswert. Andere asiatische Völker sind den Chinesen ganz klar unterlegen und kommen auf Stufe drei. Darunter haben wir dann Araber und Inder. Und ganz ganz unten kommen die Afrikaner oder Schwarze im Allgemeinen (denn wie auch aus den Kommentaren zu Lou Jing deutlich wurde, wird zwischen Afro-Amerikanern und Afrikanern kein Unterschied gemacht). Wie gesagt, dieses Bild haben fast alle Chinesen irgendwo im Hinterkopf. Manch einer mag nun, so wie auf Chinayouren, ausrufen, dass wir im Westen nur zu feige sind, solche Dinge auszusprechen und wir zwar politisch korrekt in unseren Äußerungen, aber nicht in unseren Ansichten sind. Ich denke aber, dass der Unterschied darin liegt, dass wir vielleicht sagen “Afrikaner sind faul”, aber in der Tiefe unseres Herzens wissen, dass das eine haltlose Verallgemeinerung von Einzelfällen ist, und uns, wenn wir wirklich jemanden aus Afrika kennenlernen, auch schnell vom Gegenteil überzeugen lassen. Bei Chinesen scheint mir dagegen die Schwelle, die eigenen Vorurteile zu überwinden, sehr viel höher zu sein. Ich bin mir sicher, dass die vielen afrikanischen Austauschstudenten, die ihr gesamtes Studium in China absolvieren (Medizin und solche Scherze! Denen gilt mein echter Respekt.), davon ein Lied singen könnten. Und die extrem sexistischen Kommentare zu diesem schwarz-chinesischen Paar , das in der Shanghaier U-Bahn fotografiert wurde und bei uns nun wirklich kein Aufsehen erregen würde, zeigen das ebenfalls sehr deutlich.

Aber bei dem Fall von Lou Jing spielt noch etwas ganz Anderes mit. In vielen der Kommentare, zumindest denen auf ChinaSmack, wurde nämlich gar nicht Lou Jing, sondern ihre Mutter beschimpft. Weil sie mit einem Schwarzen geschlafen hatte und somit die chinesischen Rasse in Verruf gebracht? Auch. Wäre der Mann Europäer gewesen, hätte das wahrscheinlich weniger Reaktionen hervorgerufen. Aber vor allem wurde sie beschimpft, weil sie  ihren chinesischen Mann betrogen hat. Welchen Hass nämlich die grüne Mütze (给谁带绿帽子= jmd. die grüne Mütze aufsetzen = jdn. außerehelich betrügen) bei chinesischen Männern hervorruft, wurde mir erst durch diesen Beitrag bei ChinaSmack klar. Darin geht es um ein Mädchen, das von ihrem Verlobten auf offener Straße auf übelste Weise geschlagen und verprügelt wurde, weil sie von einem anderen schwanger war. Ich bin wahrlich kein Verfechter von Beziehungen mit mehr als zwei Beteiligten, aber das da ist einfach brutale Gewalt und auf KEINE Weise zu entschuldigen. Ich möchte auch hier nicht den Eindruck aufkommen lassen, dass alle chinesischen Männer so wären, Gott bewahre. Das war ein Einzelfall. Aber es ist auch nicht so, dass chinesische Männer die reinsten Engel wären (über die Beschwerden von chinesischen Ehefrauen gibt es übrigens hier eine interessante Serie). Ob nun Massagesalons oder gleich eine Zweitfrau in der Stadt – Ehebrüche von männlicher Seite aus sind keine Seltenheit in China. Aber wenn es dann mal umgekehrt passiert, wird gleich mit den Mitteln eines Mannes der Wut Luft verschafft, wie? Zumindest den Kommentaren bei ChinaSmack nach. Denn da erklärt ungefähr die Hälfte (wahrscheinlich die männliche), dass sie in einem solchen Fall ähnlich handeln würde oder den Typen zumindest verstehen kann.

Was uns aber zu noch einem Punkt bringt: es handelt sich hier nur um mehr oder weniger anonyme Kommentare auf einer x-beliebigen Internetseite. Zum einen schreibt man etwas viel schneller, als man dann es dann nachher auch wirklich tun würde. Und zum anderen ist diese Handvoll an Meinungen natürlich nie und nimmer repräsentativ für die gesamte Bevölkerung dieses so diversen Landes. Internetnutzer sind in jedem Land eine recht homogene Gruppe und dies gilt besonders in China, wo trotz aller Fortschritte in den letzten Jahren nur eine beschränkte Minderheit wirklich Internetzugang hat. Nichtsdestotrotz können diese Kommentare trotzdem bestimmte Strömungen widergeben. Ich hätte mit solchen Meinungen einfach überhaupt nicht gerechnet und ich bin mir ziemlich sicher, dass man sich in einer deutschen Internetcommunity auch schwer tun würde, solche Kommentare in einer doch recht großen Anzahl zu finden. Ich meine, er hat ihr nicht nur mal eben eine Backpfeife gegeben …

Nochmals und zum Mitschreiben: ich glaube nicht, dass alle Chinesen oder auch nur eine Mehrheit so denken und schon gar nicht so handeln. Aber die Tatsache, dass es überhaupt Leute gibt, die sich so äußern, zeigt [Achtung! Platitüde! Aber es überrascht mich einfach immer noch], dass die kulturellen Unterschiede zwischen jungen Deutschen und jungen Chinesen trotz Coca-Cola, McDonald’s und Michael Jackson immer noch immens sind. Und wahrscheinlich auch bleiben werden. Nicht, dass das etwas Schlechtes ist. Es heißt nur, dass noch viel interkultureller Dialog angesagt ist, bevor man sich auch nur ansatzweise gegenseitig versteht. Und wenn ich gerade keinen realen Gesprächspartner zur Verfügung habe, lese ich eben ChinaSmack. Und werde euch wieder mitteilen, wenn ich etwas Neues herausgefunden habe :-) .

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Organspenden in China

August30

Nachdem ich in letzter Zeit über einige recht unterschiedliche, aber immer bemerkenswerte Artikel zu diesem Thema gestoßen bin, wollte ich sie hier mal kurz zusammenfassen und ein wenig darüber nachdenken.

Schon vor einiger Zeit hatte ich gehört, dass in China die Organe von Hingerichteten verkauft werden und dass man die Todesurteile je nach Bedarf vollstreckt werden. Ziemlich krasse Anschuldigung, weswegen ich es auch nie richtig geglaubt habe. Tja, so lange, bis ich diesen Artikel aus zuverlässiger Quelle las, in dem es heißt, dass in China seit einiger Zeit Todesvans eingesetzt werden, mobile Hinrichtungsstationen, die gleich vor Ort eine effiziente Organentnahme ermöglichen. Für jemanden, der aus einem Land kommt, in dem Organspenden immer noch nach dem Opt-In-Verfahren erfolgen, d.h. für eine Organentnahme wird die ausdrückliche Erlaubnis des Spenders oder dessen Angehörigen benötigt (wobei sich natürlich über die Sinnhaftigkeit dieses Modells ebenfalls streiten lässt), ist das eine erschreckende Nachricht. Inzwischen habe ich in Ma Jian’s neuem Buch gelesen, dass diese Praxis schon in den 80er Jahren gängig war – bei den Todesvans handelt es sich also lediglich um Effizienzmaßnahme.

Und Effizienz scheint wohl auch nötig zu sein, denn laut einem akutellen Bericht des International Herald Tribune werden in China rund 1 Million Organe benötigt, während nur etwa 10000 zur Verfügung stehen. Zum einen handelt es sich um ein organisatorisches Problem, da es keine umfassende Datenbanken für Organspender und -empfänger gibt. Aus diesem Grund verschwinden viele der Organe der Hingerichteten (die makabererweise der Organentnahme sogar zustimmen müssen) auf dem Schwarzmarkt.
Ein ganz anderes Problem ist jedoch die Spendebereitschaft – während in Deutschland ja doch viele Menschen einen Organspendeausweis haben oder der Idee zumindest nicht völlig abgeneigt sind, scheint das in China ein absolutes Tabu zu sein – von 1,3 Mio. haben sich seit 2003 nur 130(!!) auf die Organspendeliste setzen lassen. Das macht 0,00001% – in Deutschland haben laut einer Umfrage der BZgA 17% einen Organspendeausweis! Woher kommt diese Diskrepanz? Passenderweise hat ChinaSmack vor kurzem eine kleine Forumsdiskussion zu diesem Thema übersetzt. Ausgangspunkt war das Posting eines Arbeitslosen, der auf die Spendeliste hat setzen lassen. Nach dem ersten Durchlesen nahm ich automatisch an, dass er dafür Geld bekommen hatte – ist zwar keine schöne Sache, wenn man so arm ist, aber auch hier spenden Leute ja Blut für Geld. Erst, als ich die Antworten gelesen hatte, begriff ich, dass er das völlig umsonst gemacht hatte und nur seine Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit über seine jetzige Lage zum Ausdruck bringen wollte! Dementsprechend versuchten viele der Antwortenden auch, Louzhu* moralisch aufzubauen – gerade so, als ob dieser gerade angekündigt hätte, von der nächsten Brücke springen zu wollen. Einer warnte davor, dass ihm nun jederzeit etwas zustoßen könne, falls einer der Parteikader ein Organ brauche. Manche gaben auch zu, dass er richtig handeln würde, sie das aber mit ihren moralischen und spirituellen Prinzipien nicht vereinbaren könnten. Abgesehen also von den spirituellen Bedenken, die auch hier verbreitet sind, eine völlig andere Diskussion als in Deutschland. Und wirklich, das als Verzweiflungstat hinzustellen … ich wusste nicht, dass die Unterschiede bei diesem Thema so gravierend sind. Man lernt eben nie aus.

Wenn man aber jetzt zum Ausgangspunkt zurückkommt, nämlich den Todesvans, dann macht das Verhalten der Regierung irgendwie Sinn. Natürlich ist es keine richtige Lösung, aber wenn die Bevölkerung nun mal nicht gewillt ist zu spenden … und eine Gesetzesänderung hin zum Opt-Out-Modell würde sicherlich einen Proteststurm auslösen, ein Risiko, das die KP sicher nicht für so eine Bagatelle eingehen will. Warum also nicht das vorhandene “Material” nutzen? Noch dazu, wo viele Chinesen wenig bis gar kein Mitleid für zum Tode Verurteilte empfinden. Und daran wird sich, wie auch an der Haltung gegenüber Organspenden, so schnell wohl nichts ändern.

*Louzhu 楼主: chin. Internetslang für Threadstarter in einem Forum. Eines der vielen nützlichen Worte, die ich im Glossar von ChinaSmack gefunden habe – unbedingt anschauen!

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