Daily China

Alles rund ums Reich der Mitte

Zhao Ziyang – “Prisoner of the state”

Juli20

Pünktlich zum 20. Jahrestages des TAM-Vorfalls haben es Vertraute im Ausland geschafft, die Memoiren des ehemaligen chinesischen Premierministers Zhao Ziyangs herauszugeben. Größtenteils handelt es sich dabei um gesprochene Aufzeichnungen, die übersetzt und mit einigen Anmerkungen versehen wurden, stilistisch nicht immer angenehm zu lesen, aber auf jeden Fall recht authentisch.
Anders als viele Berichte vermuten lassen, geht es nicht hauptsächlich um die Vorfälle von 1989, sondern Zhao lässt vielmehr seine gesamte politische Karriere in Peking Revue passieren und erläutert im Detail alles von den praktischen und ideologischen Grundlagen der Reformpolitik bis hin zu den Machtkämpfen innerhalb der Partei, die zum Sturz von Hu Yaobang und letztendlich zu seiner eigenen politischen Isolierung geführt haben. Dem TAM-Vorfalls selbst widmet er nur ein Kapitel und hier liegt sein Augenmerk auf den Entscheidungen der beteiligten Machthaber, nicht aber darauf, was tatsächlich auf der Straße passierte.
Wer also ein Buch lesen möchte, das sich mit den Hintergründen des TAM-Vorfalls auseinandersetzt, wird “Prisoner of the state” sicherlich nach dem ersten Kapitel enttäuscht beiseite legen. Warum trotzdem weiterlesen? Weil Zhao der einzige hochrangige chinesische Politiker war und wahrscheinlich für einige Zeit bleiben wird, der einem einen Einblick hinter die verschlossenen Türen des Politbüros gewährt. Wo sonst erfährt man aus erster Hand, dass chinesische Parteikader fast jede Politik akzeptieren, solange sie nur mit dem passenden Mao-Zitat versehen ist?

Zhao versucht nicht, die Dinge objektiv zu analyiseren, sondern erzählt das, was er selbst erlebt hat. Dadurch wirken seine Schilderungen sehr authentisch – es führt aber auch dazu, dass er vieles drei- bis fünfmal erklärt und sich mit Kleinigkeiten aufhält, die für den Leser völlig uninteressant sind. Literarisch sicherlich ein Reinfall, sind Zhaos Memoiren aufgrund ihrer Einzigartigkeit trotzdem für alle lesenswert, die die moderne chinesische Politik einmal aus der Sicht eines 内行 kennenlernen wollen.

ISBN: 978-1439149386

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Xinran – “Chinesen spielen kein Mao-Mao”

April2

Xinran, eine ehemalige Radiomoderatorin aus Nanjing, die jetzt in England lebt und arbeitet, hat für … zahlreiche Kolumnen über das Leben der Chinesen geschrieben, die in diesem Buch zusammengefasst wurden. Wer ihre anderen Bücher gelesen hat, wird manches davon schon kennen; bei anderen Artikeln blieb mir – trotz guter Kenntnis der chinesischen Kultur – die Pointe verborgen, was vielleicht auch daran lag, dass vielen aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Insgesamt nicht schlecht, kommt aber inhaltlich nicht im Entferntesten an ihre bisherigen Bücher heran.

ISBN: 978-3426780749

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Xinran – “Die namenlosen Töchter”

März9

In China machen sich viele Eltern auf dem Land gar nicht erst die Mühe, ihren Töchtern Namen zu geben – sie werden einfach durchnummeriert. So geht es auch “Tochter Drei” und ihren jüngeren Schwestern. Die aber wollen raus aus der Perspektivlosigkeit des Dorflebens und machen sich deshalb auf ins Abenteuer Großstadt, um Arbeit zu finden und dabei ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken.

Dass auch eine “verschlafene” Stadt wie Nanjing für die Augen und Ohren unerfahrener Mädchen vom Lande viel zu bieten hat, wird einem dank Xinrans einfacher, aber einfühlsamer Schilderung schnell klar. Gemäß dem chinesischen Sprichwort 少见多怪 (wenig gesehen und deswegen umso verwunderter) ist für die drei Schwestern anfangs jede Handlung ungewohnt, können sie sich auf vieles im merkwürdigen Verhalten der Großstädter keinen Reim machen. Nach und nach lernen sie aber, sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden – und verändern sich dadurch natürlich auch selbst.

Wie auch schon in “Verborgene Stimmen”schafft es Xinran meisterhaft, die  Facetten Chinas aufzuzeigen, die einem Westler sonst wohl auf immer entgehen würden, und erklärt dabei kulturelle und soziale Hintergründe.

ISBN: 978-3426197721

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Er Li – “Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt”

März2

Wer mehr über das Alltagsleben in einem chinesischen Dorf des 21. Jahrhunderts erfahren möchte, ist hiermit richtig beraten. Erzählt wird die Geschichte von Kong Fanhua, die bei der anstehenden Dorfwahl (auf unterster Ebene erlaubt die KPCh ja inzwischen freie, “demokratische” Wahlen) gerne wiedergewählt werden möchte, aber vorher noch so einige dörfliche Probleme zu beseitigen hat – von Nichtbeachtung der Ein-Kind-Politik bis hin zu Umweltverschmutzung durch ansässige Fabriken ist alles vertreten. Da muss die gewiefte Ehefrau und Mutter schon tief in ihre Tricktasche greifen und sämtliche Beziehungen spielen lassen, um alle zufrieden zu stellen …

Humorvoll und schonungslos – so lässt sich dieser Roman wohl am besten zusammenfassen. Jeder der Dorfbewohner (und da davon alle einzeln und mit chinesischem Namen vorgestellt werden, sollte man ein gutes Namensgedächtnis haben) bekommt sein Fett weg. Die Charaktere von Er Li sind lebensnah und verschaffen einem Laowai einen hervorragenden Einblick in die Sozialstruktur des dörflichen Chinas. Einziger Nachteil: viele der chinesischen Sprachwitze sind in der deutschen Übersetzung nicht nachvollziehbar.

ISBN: 978-3423245951

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Ma Jian – “Red Dust. A Path Through China”

Februar27

Ma Jian, Intellektueller, Künstler und Journalist, entflieht 1983 den engen Mauern Pekings auf mit einem Zugticket nach Urumqi, auf der Flucht nicht nur vor politischen Repressalien, sondern auch vor der geistigen Leere, die ihn zu übermannen droht. Drei Jahre lang ist er insgesamt unterwegs, bereist dabei fast jeden Winkel des Landes, lernt unzählige Menschen kennen und zeigt dem Leser so alle Facetten eines Chinas, das inzwischen schon wieder der Vergangenheit angehört. Eine schonungslose, aber auch sehr poetische Darstellung des alten Sozialismus und der Menschen, die damit leben mussten. Lesen und dann ein Zugticket kaufen …

ISBN: 978-0099283294

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