Daily China

Alles rund ums Reich der Mitte

Leslie T. Chang – “Factory Girls”

Februar21

Ein Land von Dissidenten und Wanderarbeitern – das dürfte so ziemlich das Bild sei, das der Durchschnitssdeutsche von China im Kopf hat. Während erstere in Wahrheit eine überaus kleine Minderheit darstellen, ist die Bevölkerung der Wanderarbeiter mit rund 200 Mio. zweifelsohne eine ernstzunehmende Kraft. Und weil schon allein der Begriff “Wanderarbeiter” so schön nach kapitalistisch-kommunistischer Ausbeutung klingt, finden sich trotz mangelnder Englisch-Kenntnisse der Betroffenen mit schöner Regelmäßigkeit Berichte über die unzumutbare Arbeitsbedingungen/Lohnverweigerung/ihr besch****ene Leben in ausländischen Medien. Hmpf. Mit Sicherheit gibt es eine Gruppe von Wanderarbeitern, deren Leben diesen Berichten entspricht. Aber sie stellen nicht unbedingt die Mehrheit dar, wie Leslie T. Changs gut recherchierte Reportage in Buchform “Factory Girls – From Village to City in a Changing China” zeigt.

Die Autorin ist US-Chinesin und hat mit diesem Buch nicht nur ihre Berichterstattung  für das WSJ weitergeführt, sondern auch versucht, die Geschichte ihrer eigenen Familie aufzuarbeiten. Während letzteres sehr langatmig ausfällt und sich wenig von anderen Familiensagas unterscheidet, sind ihre Beobachtungen über die Arbeiterinnen von Dongguan – der Fabrikstadt für “Made in China” in Südchina – äußerst informativ und verändern die Bilder, die man mit Wanderarbeitern assoziiert, ganz gewaltig. Über mehrere Jahre hinweg hat Leslie Chang einzelne Mädchen auf ihrem Lebensweg begleitet und es dabei geschafft, ein vollständiges Bild von ihren Lebensumständen, ihren Träumen und Wünschen, aber auch ihren Ängsten und Rückschlägen zu bekommen. Diese junge Frauen finden nicht, dass sie sich am Boden der Gesellschaft befinden und von der wirtschaftlichen Entwicklung als Abfallprodukt zurückgelassen werden. Ihr Leben ist hart, ihre Schichten lang, aber für sie stellt ihre Fließbandarbeit die willkomene Möglichkeit da, das triste Dorfleben hinter sich zu lassen und sich selbst zu entwickeln. Englischlernen ist das große Ziel, die Beförderung von der einfachen Arbeiterin zur Schreibkraft (notfalls auch mit gefälschten Zeugnissen) kann der Anfang eines ganz neuen Lebens sein. Der Lohn, so wenig es für uns auch sein mag, reicht, um den Mädchen Autorität innerhalb der Familie zu geben, zu bestimmen, wann ein Badezimmer gebaut wird und welches der jüngeren Geschwisterkinder weiter zur Schule gehen soll.

Jedes Kapitel ist einem anderen Lebensbereich gewidmet und überall unterlegt die Autorin harte Fakten mit Beispielen aus dem Leben ihrer “Schützlinge” und deren Umfeld. Für so viel gute Informationen nimmt man dann auch gerne Passagen über ein bisschen zu detailliert beschriebene Verwandtschaftsbesuche in Kauf.

Der Name Dongguan fällt immer mal wieder in Artikeln und Blogposts. Wer wissen will, was dahintersteckt, kommt um “Factory Girls” nicht herum. Nicht umsonst von der NY Times zu einem bemerkenswerten Buch erklärt worden.

ISBN: 978-0385520188

Zum Thema:

Video über die größte Shoppingmall der Welt, natürlich in Dongguan

Christian Y. Schmidt – “Bliefe von dlüben”

Januar25

Der Titel wirkt abschreckend – für jemanden, der wie ich davon überzeugt ist, dass man bei Erfindung des L/R-Klischees Chinesen mit Japanern verwechselt hat. Aber nachdem ich erfahren hatte, dass auch der Autor selbst vom Titel ganz und gar nicht begeistert ist, und weil ich außerdem schon einige der Kolumnen mit Schmunzeln gelesen hatte, ließ ich mich also doch darauf ein, das große China-Abitur abzulegen.

Nur stellte sich allerdings heraus, dass ich bereits mindestens Oberstufenniveau habe. Nach sieben Jahren, in denen ich mich intensiv mit China auseinandergesetzt habe, hätte mir das eigentlich schon vorher klar sein müssen, aber ich war dennoch überrascht, wie unberührt mich Erzählungen über Fahrstuhlfrauen, lustige DVD-Aufdrucke oder Ausflüge à la Chinoise ließen. Und das liegt nicht nur daran, dass ich die meisten der geschilderten Erfahrungen bereits selbst erlebt habe, sondern auch am Stil: es ist das, was man auf Neudeutsch und bei RTL eben Comedy nennt, von mir mit einem anderen Denglizimus auch als Fast-Food-Humor bezeichnet. Schon lustig, aber sehr leicht verdaulich und nichts, was einen bleibenden Geschmack hinterlässt. In einem Feld, das von einem feinsinnigen Strittenmatter dominiert wird, hat es Herr Schmidt also schwer.

Für: China-Neulinge und Fans von Michael Mittermeier

ISBN: 978-3871346583

Qian Zhongshu – “Umzingelte Festung” (围城)

Januar24

Qian Zhongshu’s Hauptwerk gehört zweifelsohne zum Grundinventar eines anständigen chinesischen Lesekanons – und meiner Meinung nach auch in jede gut sortierte Bibliothek, unabhängig vom China-Interesse des Besitzers. “Umzingelte Festung” (wéi chéng) ist Weltliteratur – dass dem Roman die tragende Rolle, die er eigentlich verdient hätte, zumindest im Ausland verwehrt blieb und wohl bleiben wird, liegt zum einen am generellen Westzentrismus der Literaturszene und zum anderen am Veröffentlichungszeitpunkt: erstmals 1946 erschienen, verschwand der Roman nach Amtsantritt der Kommunisten für fast 30 Jahre in der Versenkung. Danach hätte es schon einer sehr guten Publicity bedurft, um ihm dem westlichen Publikum schmackhaft zu machen – zumal der Klappentext allein für wenig Interesse sorgen dürfte.

Es geht um die Lebensgeschichte von Fang Hongjian, einem typischen Antihelden, nicht schlecht, nur ein wenig faul. In einem China, dessen Zukunft ungewiss ist – man schreibt die Zeit vor und während des chinesisch-japanischen Krieges – kämpft er mit den Problemen, die auch die heutigen 海龟 (Auslandsstudenten, die nach China zurückkehren) beschäftigen: mangelnde Praxiserfahrung und das Fehlen der in China ach so wichtigen Beziehungen stehen einer schnellen Karriere im Weg. Und dann ist da ja auch noch die Suche nach der Frau fürs Leben, die sich bei Fang Hongjians überzogenen Ansprüchen und gleichzeitigem Mangel an sozialer Kompetenz als schwierig gestaltet …

Ein bisschen was von den Leiden des jungen Werthers, ein bisschen allzeit-gültiger China-Knigge und vor allem ein unglaublicher Sprachwitz, hinter dem eine sehr genaue Beobachtungsgabe und Kenntnis der menschlichen Rasse deutlich wird, machen “Umzingelte Festung” zu einem Stück ganz großer Literatur, die von der deutsche Übersetzung sehr gut getragen wird.

Zweifelsohne, wie so viele Klassiker hat auch dieser seine Längen, hier in Form von vielen Mauscheleien und Ränkespielen im Universitätsbetrieb. Wer aber bis zum Schluss durchhält und -liest, wird mit einer Botschaft belohnt, die in ihrer Schwere so gar nicht zum leichten Ton passen will: letztendlich sind es Missverständnisse und überzogener Stolz, die unserem persönlichen Glück im Wege stehen. Ein Mahnwort, das man sich vor allem, aber nicht nur in der kontextbezogenen, jedes Wort deutenden chinesischen Gesellschaft zu Herzen nehmen sollte.

ISBN: 978-3865550590

Webschau – Bücher und Buchmesse

Oktober25

Nachdem die letzten Wochen in Hinblick auf Bücher recht ergiebig waren, hier nun eine kleine Zusammenfassung von Berichten über chinesische Autoren, ihre Werke und natürlich auch das China der Buchmesse.

Die SZ ist der Ansicht, dass Chinas Selbstpräsentation nur den üblen Nachgeschmack einer rohen Zwiebel hinterließe. Zu viele Zahlen, zu wenig Dialog, und dazu noch Sinologen, die ein differenziertes Bild von China fordern, ist der enttäuschte Grundtenor. Prinzipiell kann man sich die Lektüre aus Mangel an Originalität also sparen, lediglich der Hinweis auf den Aufsatzband der Heinrich Böll-Stiftung ist nützlich für diejenigen, die nicht in Frankfurt waren oder den winzigen Stand übersehen haben.

Zu o.g. Sinologen gehört sicherlich auch Thomas Heberer, der in diesem Interview mit der TAZ einmal hinter die ewige Schwarz-Weiß-Malerei blickt und das Verhalten der chinesischen Regierung zu erklären versucht. Lobens- und lesenswert.

Aber auch chinesische (normalerweise kritische) Stimmen weisen auf die Fortschritte Chinas in Sachen Meinungsfreiheit hin, so zum Beispiel Blogger Yang Hejun, in einer Übersetzung von ESWN.

Die Frankfurter Rundschau analysiert die Reaktionen Chinas auf die deutsche Berichterstattung und kommt letztendlich zu dem Schluss, dass auch die chinesischen Bürger lieber eine andere Delegation gesehen hätten als diese Gruppe “relativ unbekannter Propagandaliteraten”. Komisch, dass Schriftsteller wie Fang Fang, Jiang Rong, Yu Hua, Mo Yan, Li Er in China (und neuerdings auch international) trotzdem so beliebt sind. Oder hat sich vielleicht jemand einfach nicht die Mühe gemacht, zu gucken, wer hinter diesen so gleich klingenden Namen steckt?

Die Zeit bringt, neben den üblichen China-kritischen Berichten, auch zwei gute, tiefgehende Einblicke in die chinesische Literatur abseits der Buchmesse: zum einen eine Übersetzung eines französischen Artikels, in dem die Autorin sich auf eine literarische Entdeckungsreise nach China begibt und dabei die Stars und Sternchen der Szene trifft. Zum anderen einen Analyse der Schriftstellergeneration Wei Hui und Mian Mian.

Einen Einblick von der anderen Seite bietet Bruce Humes: er übersetzt Auschnitte eines Interviews mit Wu Wei, Regierungsverantwortliche für das Programm für den Export chinesischer Bücher.

Chinesische (im weiteren Sinne) Autoren trifft man natürlich auch überall: Ma Jian im Handelsblatt und Tsering Woeser in der Welt. Selbst über die langweiligen offiziellen Autoren wie Mo Yan findet sich ein Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung.

Und abseits der Messe? Auszug aus einem Buch über Prinzessin Der Ling, die zwei Jahre als Konkubine am Hof von Cixi diente, auf Danwei. Eine Rezension von “Repeat After Me” auf ChinaBeat, in dem die Geschichte einer psychisch lablien Amerikanerin und eines chinesischen Studenten, der dem TAM entkam, erzählt wird. Ausschnitt aus dem Nachwort des noch unübersetzten Bestsellers “Das rechte Ufer des Argun” (额尔古纳河右岸), in dem es um das Schicksal der Rentier-Ewenken im modernen China geht, auf Paper Republic.

Und von mir gibt’s hoffentlich bald eine Rezension von Ma Jian’s “Beijing Coma”.

Good night and good luck.

Warum chinesische Autoren nicht den Literaturnobelpreis gewinnen

Oktober9

Mit dieser Frage beschäftigt sich heute ein Artikel auf Fool’s Mountain Blog. Neben dem Europazentrismus des Komitees und der Fokussierung auf das schnelle Geld bei vielen chinesischen Autoren wird als Grund auch die Zensur in China genannt – und dass es den Zensoren gar nicht so recht wäre, wenn der Nobelpreis tatsächlich nach China ginge:

Der glückliche Kerl würde zu einer internationale Berühmtheit werden. Wie können wir [die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit] dann noch kontrollieren, was er oder sie sagt und tut? Würde er den Staat nicht blamieren? In kulturellen Angelegenheiten geben die Anstandswauwaus nur vor, dass sie hundert Blumen blühen lassen und hundert Stimmen hören* wollen. In ihrem tiefsten Inneren lieben sie unfehlbare Einheit (auch “Harmonie” genannt).

In den Kommentaren wird außerdem darauf hingewiesen, dass das chinesische Publikum andere Themen bevorzugt. Chinesische Literatur, selbst, wenn sie gut übersetzt ist, fasst auf dem westlichen Markt nur schwer Fuß. Aber vielleicht wird sich das ja nach der Buchmesse in Frankfurt ändern?

* Bekanntes Zitat Maos, mit dem er zu Kritik auch an der Regierung aufrief. Nach kurzer Zeit machte er jedoch einen Rückzug, was zu einer blutigen Kampagne gegen Reaktionäre führte.

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Olympia 2008, die Expo 2010 … bei mir hat aber alles schon viel früher angefangen. Ich habe in der Schule Chinesisch gelernt, weil ich mal etwas Anderes machen wollte und weil ich Asien schon immer interessant fand. Sehr schnell wurde ich sehr sinophil und nach meinem ersten Sprachkurs in Shanghai im Sommer 2004 war mir klar, dass ich zurück will in dieses faszinierende Land – dann aber für länger. 2006 ging mein Traum dann in Erfüllung – für zwei Semester habe ich an der Universität Nanjing Chinesisch studiert, Erhu gelernt, chinesische Freunde gefunden, mich manchmal über den Alltag aufgeregt und bin natürlich im ganzen Land unterwegs gewesen. Meine Erfahrungen – vom Bewerbungsprozess für das China-Programm der Studienstiftung bis hin zu Reiseberichten – habe ich hier (wenn auch nicht immer regelmäßig) niedergeschrieben. Aber damit endet die Geschichte nicht: letztes Jahr war ich während der olympischen Spiele wieder in China und von März bis Mai diesen Jahres habe ich ein zweimonatiges Laborpraktikum in Peking gemacht. Und von 2010 bis 2011 habe ich im eisigkalten Harbin studiert.

Die meisten meiner Kategorien sind selbsterklärend, hier ein paar Hinweise für die übrigen:

Wenn ihr irgendwelche Fragen oder Anmerkungen habt, einfach kommentieren! Ich antworte bestimmt :-) .


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