Daily China

Alles rund ums Reich der Mitte

Qian Zhongshu – “Umzingelte Festung” (围城)

Januar24

Qian Zhongshu’s Hauptwerk gehört zweifelsohne zum Grundinventar eines anständigen chinesischen Lesekanons – und meiner Meinung nach auch in jede gut sortierte Bibliothek, unabhängig vom China-Interesse des Besitzers. “Umzingelte Festung” (wéi chéng) ist Weltliteratur – dass dem Roman die tragende Rolle, die er eigentlich verdient hätte, zumindest im Ausland verwehrt blieb und wohl bleiben wird, liegt zum einen am generellen Westzentrismus der Literaturszene und zum anderen am Veröffentlichungszeitpunkt: erstmals 1946 erschienen, verschwand der Roman nach Amtsantritt der Kommunisten für fast 30 Jahre in der Versenkung. Danach hätte es schon einer sehr guten Publicity bedurft, um ihm dem westlichen Publikum schmackhaft zu machen – zumal der Klappentext allein für wenig Interesse sorgen dürfte.

Es geht um die Lebensgeschichte von Fang Hongjian, einem typischen Antihelden, nicht schlecht, nur ein wenig faul. In einem China, dessen Zukunft ungewiss ist – man schreibt die Zeit vor und während des chinesisch-japanischen Krieges – kämpft er mit den Problemen, die auch die heutigen 海龟 (Auslandsstudenten, die nach China zurückkehren) beschäftigen: mangelnde Praxiserfahrung und das Fehlen der in China ach so wichtigen Beziehungen stehen einer schnellen Karriere im Weg. Und dann ist da ja auch noch die Suche nach der Frau fürs Leben, die sich bei Fang Hongjians überzogenen Ansprüchen und gleichzeitigem Mangel an sozialer Kompetenz als schwierig gestaltet …

Ein bisschen was von den Leiden des jungen Werthers, ein bisschen allzeit-gültiger China-Knigge und vor allem ein unglaublicher Sprachwitz, hinter dem eine sehr genaue Beobachtungsgabe und Kenntnis der menschlichen Rasse deutlich wird, machen “Umzingelte Festung” zu einem Stück ganz großer Literatur, die von der deutsche Übersetzung sehr gut getragen wird.

Zweifelsohne, wie so viele Klassiker hat auch dieser seine Längen, hier in Form von vielen Mauscheleien und Ränkespielen im Universitätsbetrieb. Wer aber bis zum Schluss durchhält und -liest, wird mit einer Botschaft belohnt, die in ihrer Schwere so gar nicht zum leichten Ton passen will: letztendlich sind es Missverständnisse und überzogener Stolz, die unserem persönlichen Glück im Wege stehen. Ein Mahnwort, das man sich vor allem, aber nicht nur in der kontextbezogenen, jedes Wort deutenden chinesischen Gesellschaft zu Herzen nehmen sollte.

ISBN: 978-3865550590

Xinran – “Chinesen spielen kein Mao-Mao”

April2

Xinran, eine ehemalige Radiomoderatorin aus Nanjing, die jetzt in England lebt und arbeitet, hat für … zahlreiche Kolumnen über das Leben der Chinesen geschrieben, die in diesem Buch zusammengefasst wurden. Wer ihre anderen Bücher gelesen hat, wird manches davon schon kennen; bei anderen Artikeln blieb mir – trotz guter Kenntnis der chinesischen Kultur – die Pointe verborgen, was vielleicht auch daran lag, dass vielen aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Insgesamt nicht schlecht, kommt aber inhaltlich nicht im Entferntesten an ihre bisherigen Bücher heran.

ISBN: 978-3426780749

Xinran – “Die namenlosen Töchter”

März9

In China machen sich viele Eltern auf dem Land gar nicht erst die Mühe, ihren Töchtern Namen zu geben – sie werden einfach durchnummeriert. So geht es auch “Tochter Drei” und ihren jüngeren Schwestern. Die aber wollen raus aus der Perspektivlosigkeit des Dorflebens und machen sich deshalb auf ins Abenteuer Großstadt, um Arbeit zu finden und dabei ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken.

Dass auch eine “verschlafene” Stadt wie Nanjing für die Augen und Ohren unerfahrener Mädchen vom Lande viel zu bieten hat, wird einem dank Xinrans einfacher, aber einfühlsamer Schilderung schnell klar. Gemäß dem chinesischen Sprichwort 少见多怪 (wenig gesehen und deswegen umso verwunderter) ist für die drei Schwestern anfangs jede Handlung ungewohnt, können sie sich auf vieles im merkwürdigen Verhalten der Großstädter keinen Reim machen. Nach und nach lernen sie aber, sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden – und verändern sich dadurch natürlich auch selbst.

Wie auch schon in “Verborgene Stimmen”schafft es Xinran meisterhaft, die  Facetten Chinas aufzuzeigen, die einem Westler sonst wohl auf immer entgehen würden, und erklärt dabei kulturelle und soziale Hintergründe.

ISBN: 978-3426197721

Er Li – “Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt”

März2

Wer mehr über das Alltagsleben in einem chinesischen Dorf des 21. Jahrhunderts erfahren möchte, ist hiermit richtig beraten. Erzählt wird die Geschichte von Kong Fanhua, die bei der anstehenden Dorfwahl (auf unterster Ebene erlaubt die KPCh ja inzwischen freie, “demokratische” Wahlen) gerne wiedergewählt werden möchte, aber vorher noch so einige dörfliche Probleme zu beseitigen hat – von Nichtbeachtung der Ein-Kind-Politik bis hin zu Umweltverschmutzung durch ansässige Fabriken ist alles vertreten. Da muss die gewiefte Ehefrau und Mutter schon tief in ihre Tricktasche greifen und sämtliche Beziehungen spielen lassen, um alle zufrieden zu stellen …

Humorvoll und schonungslos – so lässt sich dieser Roman wohl am besten zusammenfassen. Jeder der Dorfbewohner (und da davon alle einzeln und mit chinesischem Namen vorgestellt werden, sollte man ein gutes Namensgedächtnis haben) bekommt sein Fett weg. Die Charaktere von Er Li sind lebensnah und verschaffen einem Laowai einen hervorragenden Einblick in die Sozialstruktur des dörflichen Chinas. Einziger Nachteil: viele der chinesischen Sprachwitze sind in der deutschen Übersetzung nicht nachvollziehbar.

ISBN: 978-3423245951

Ma Jian – “Red Dust. A Path Through China”

Februar27

Ma Jian, Intellektueller, Künstler und Journalist, entflieht 1983 den engen Mauern Pekings auf mit einem Zugticket nach Urumqi, auf der Flucht nicht nur vor politischen Repressalien, sondern auch vor der geistigen Leere, die ihn zu übermannen droht. Drei Jahre lang ist er insgesamt unterwegs, bereist dabei fast jeden Winkel des Landes, lernt unzählige Menschen kennen und zeigt dem Leser so alle Facetten eines Chinas, das inzwischen schon wieder der Vergangenheit angehört. Eine schonungslose, aber auch sehr poetische Darstellung des alten Sozialismus und der Menschen, die damit leben mussten. Lesen und dann ein Zugticket kaufen …

ISBN: 978-0099283294

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Olympia 2008, die Expo 2010 … bei mir hat aber alles schon viel früher angefangen. Ich habe in der Schule Chinesisch gelernt, weil ich mal etwas Anderes machen wollte und weil ich Asien schon immer interessant fand. Sehr schnell wurde ich sehr sinophil und nach meinem ersten Sprachkurs in Shanghai im Sommer 2004 war mir klar, dass ich zurück will in dieses faszinierende Land – dann aber für länger. 2006 ging mein Traum dann in Erfüllung – für zwei Semester habe ich an der Universität Nanjing Chinesisch studiert, Erhu gelernt, chinesische Freunde gefunden, mich manchmal über den Alltag aufgeregt und bin natürlich im ganzen Land unterwegs gewesen. Meine Erfahrungen – vom Bewerbungsprozess für das China-Programm der Studienstiftung bis hin zu Reiseberichten – habe ich hier (wenn auch nicht immer regelmäßig) niedergeschrieben. Aber damit endet die Geschichte nicht: letztes Jahr war ich während der olympischen Spiele wieder in China und von März bis Mai diesen Jahres habe ich ein zweimonatiges Laborpraktikum in Peking gemacht. Und von 2010 bis 2011 habe ich im eisigkalten Harbin studiert.

Die meisten meiner Kategorien sind selbsterklärend, hier ein paar Hinweise für die übrigen:

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