Daily China

Alles rund ums Reich der Mitte

Ma Jian – “Peking Koma”

Januar26

2009 war nicht nur das Jahr des 60. Jubiläums der Gründung der VR, sondern auch das 20. Jahrestag des TAM. Während uns ersteres eine hübsche Militärparade ohne Mehrwert bescherte, verdanken wir zweiterem den neuen Roman von Ma Jian, seines Zeiches Autor von “Red Dust“.

Zeitlich bunt durcheinander gewürfelt, erzählt uns Dai Wei, Sohn eines Konterrevolutionärs, später mehr durch Zufall politisch aktiver Student und seit seiner Verwundung während des TAM im Wachkoma, seine Lebensgeschichte. Natürlich spielen die Ereignisse vom Platz des Himmlischen Friedens eine tragende Rolle, aber es geht Ma Jian nicht um eine Heroisierung der demonstrierenden Studenten; vielmehr verschafft er uns durch diesen “Augenzeugenbericht”  – der, wenn man diesem Artikel Glauben schenken darf, doch auf recht fundierten Recherchen zu beruhen scheint – einen detailgetreuen Blick auf das Innenleben der Bewegung. Namen wurden nur leicht abgeändert und so wirken die Flügelkämpfe, die wir in Dai Wei’s Erinnerug erleben, umso realistischer – und fachen die Debatte um die Schuld der Studentenführer neu an.

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Christian Y. Schmidt – “Bliefe von dlüben”

Januar25

Der Titel wirkt abschreckend – für jemanden, der wie ich davon überzeugt ist, dass man bei Erfindung des L/R-Klischees Chinesen mit Japanern verwechselt hat. Aber nachdem ich erfahren hatte, dass auch der Autor selbst vom Titel ganz und gar nicht begeistert ist, und weil ich außerdem schon einige der Kolumnen mit Schmunzeln gelesen hatte, ließ ich mich also doch darauf ein, das große China-Abitur abzulegen.

Nur stellte sich allerdings heraus, dass ich bereits mindestens Oberstufenniveau habe. Nach sieben Jahren, in denen ich mich intensiv mit China auseinandergesetzt habe, hätte mir das eigentlich schon vorher klar sein müssen, aber ich war dennoch überrascht, wie unberührt mich Erzählungen über Fahrstuhlfrauen, lustige DVD-Aufdrucke oder Ausflüge à la Chinoise ließen. Und das liegt nicht nur daran, dass ich die meisten der geschilderten Erfahrungen bereits selbst erlebt habe, sondern auch am Stil: es ist das, was man auf Neudeutsch und bei RTL eben Comedy nennt, von mir mit einem anderen Denglizimus auch als Fast-Food-Humor bezeichnet. Schon lustig, aber sehr leicht verdaulich und nichts, was einen bleibenden Geschmack hinterlässt. In einem Feld, das von einem feinsinnigen Strittenmatter dominiert wird, hat es Herr Schmidt also schwer.

Für: China-Neulinge und Fans von Michael Mittermeier

ISBN: 978-3871346583

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Qian Zhongshu – “Umzingelte Festung” (围城)

Januar24

Qian Zhongshu’s Hauptwerk gehört zweifelsohne zum Grundinventar eines anständigen chinesischen Lesekanons – und meiner Meinung nach auch in jede gut sortierte Bibliothek, unabhängig vom China-Interesse des Besitzers. “Umzingelte Festung” (wéi chéng) ist Weltliteratur – dass dem Roman die tragende Rolle, die er eigentlich verdient hätte, zumindest im Ausland verwehrt blieb und wohl bleiben wird, liegt zum einen am generellen Westzentrismus der Literaturszene und zum anderen am Veröffentlichungszeitpunkt: erstmals 1946 erschienen, verschwand der Roman nach Amtsantritt der Kommunisten für fast 30 Jahre in der Versenkung. Danach hätte es schon einer sehr guten Publicity bedurft, um ihm dem westlichen Publikum schmackhaft zu machen – zumal der Klappentext allein für wenig Interesse sorgen dürfte.

Es geht um die Lebensgeschichte von Fang Hongjian, einem typischen Antihelden, nicht schlecht, nur ein wenig faul. In einem China, dessen Zukunft ungewiss ist – man schreibt die Zeit vor und während des chinesisch-japanischen Krieges – kämpft er mit den Problemen, die auch die heutigen 海龟 (Auslandsstudenten, die nach China zurückkehren) beschäftigen: mangelnde Praxiserfahrung und das Fehlen der in China ach so wichtigen Beziehungen stehen einer schnellen Karriere im Weg. Und dann ist da ja auch noch die Suche nach der Frau fürs Leben, die sich bei Fang Hongjians überzogenen Ansprüchen und gleichzeitigem Mangel an sozialer Kompetenz als schwierig gestaltet …

Ein bisschen was von den Leiden des jungen Werthers, ein bisschen allzeit-gültiger China-Knigge und vor allem ein unglaublicher Sprachwitz, hinter dem eine sehr genaue Beobachtungsgabe und Kenntnis der menschlichen Rasse deutlich wird, machen “Umzingelte Festung” zu einem Stück ganz großer Literatur, die von der deutsche Übersetzung sehr gut getragen wird.

Zweifelsohne, wie so viele Klassiker hat auch dieser seine Längen, hier in Form von vielen Mauscheleien und Ränkespielen im Universitätsbetrieb. Wer aber bis zum Schluss durchhält und -liest, wird mit einer Botschaft belohnt, die in ihrer Schwere so gar nicht zum leichten Ton passen will: letztendlich sind es Missverständnisse und überzogener Stolz, die unserem persönlichen Glück im Wege stehen. Ein Mahnwort, das man sich vor allem, aber nicht nur in der kontextbezogenen, jedes Wort deutenden chinesischen Gesellschaft zu Herzen nehmen sollte.

ISBN: 978-3865550590

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Interview mit dem Architekten Ole Scheeren

Dezember27

Vor einiger Zeit habe ich dieses Interview mit Ole Scheeren gefunden, seines Zeichen gefeierter Architekt – und Lebensgefährte von Maggie Cheung, der u.a. aus den Filmen von Wong Kar-Wai bekannten Schauspielerin. Er arbeitet seit einiger Zeit in Asien und vor allem China und hat meines Erachtens eine recht gesunde Einstellung zur Zusammenarbeit mit einem “diktatorischen Regime”.


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Online – ChineseTeachers

Dezember26

Solange man in China ist, funktioniert das mit dem Chinesischlernen ja noch ganz gut. Aber den strukturierten Unterricht aus der Sprachschule oder Uni dann in Deutschland fortzusetzen, gestaltet sich abseits eines Sinologie-Studiums meist als schwierig. Nur wenige deutsche Unis bieten Sprachkurse auf höherem Niveau an und auch an der VHS oder den Konfuzius-Instituten liegt der Schwerpunkt gewöhnlich auf Anfängerwissen. Sprachpartner sind sicherlich eine Möglichkeit, aber natürlich sind die meisten keine ausgebildeten Lehrer und wer selbst einmal versucht hat, schwache und starke Verben oder die Verwendung des Konjunktivs systematisch zu erklären, weiß, wie schwer die eigenen Muttersprache sein kann.

Aber an dieser Stelle kommt einem, wie so oft, das Internet zu Gute. Diesmal in Form von Online-Sprachschulen. Während die meisten von diesen eine monatliche Gebühr verlangen oder einem ein Stundenpaket verkaufen, ist man bei ChineseTeachers wirklich ungebunden: man lädt sein Konto auf und kann dieses Guthaben dann vertelefonieren. Die Stundenpreise variieren dabei je nach Erfahrungsgrad des Lehrers von 12$-24$ – fast chinesisches Niveau und billiger als damals meine Privatstunden mit einer VHS-Lehrerin. Die Gespräche werden über eine Flash-App direkt im Browser geführt, wobei man auch gleichzeitig chatten kann. Die Qualität an sich ist gut, allerdings ist die Übertragung nicht die schnellste und es kommt immer zu einer Verzögerung von 1-2s, so dass man sich öfter gegenseitig ins Wort fällt.

Die Unterrichtszeit kann man frei wählen: entweder macht man mit seinem Lehrer einen Termin aus oder man geht online, wenn man Zeit hat, und sucht sich einen freien Lehrer. Da diese über die ganze Welt verteilt sind, findet man eigentlich zu jeder Tages- oder Nachtzeit jemanden zum Üben.

Was die Themen angeht, hat man ebenfalls freie Wahl: normalerweise läuft es wohl so, dass man sich auf ein Buch oder Thema einigt und der Lehrer einem dann Vor- und Nachbereitungsmaterial dafür zukommen lässt. Wenn man natürlich verschiedene Lehrer hat, liegt der Schwerpunkt eher auf ungezwungenen Gesprächen – alle Lehrer sind darin geübt, ein Gespräch am Laufen zu halten, obwohl dafür allein wohl auch ein Sprachpartner genügen würde. Sinnvoller ist es also schon, sich einen gewissen Lehrplan zurecht zu legen. Gerade für Fortgeschrittene bietet es sich an, sich z.B. auf ein chinesisches Buch festzulegen, in dem dann bis zur nächsten Stunde ein bestimmtes Kapitel gelesen werden muss. Das erhöht zum einen die Motivation, wirklich etwas zu lesen, und zum anderen hat man die Möglichkeit, sich anschließend mit jemandem über den Inhalt zu unterhalten – bei meinen bisherigen Sprachpartnern sind solche Experimente immer fehlgeschlagen.

Als weiteren Bonus werden auf der Seite die Chat-Protokolle der vergangenen Stunden gespeichert – so kann man die Vokabeln auch noch Monate später nachschauen.

Nachdem mein langjähriger Chinesisch-Kurs seit diesem Semester nicht mehr stattfindet, hatte ich beschlossen, mir das Geld für einen ohnehin nicht sonderlich erhellenden VHS-Kurs zu sparen und es stattdessen bei ChineseTeachers zu investieren. Noch hat es leider nur zu zwei Probestunden gereicht *schäm*, aber die waren auf alle Fälle gut und haben Lust auf mehr gemacht. Und diese Woche ist der Anreiz sogar besonders groß: bis Silvester sind ALLE Stunden bei ChineseTeachers umsonst!! Einzige Voraussetzung: mind. 1$ Guthaben – den kann sich aber leicht verdienen, wenn man als Quelle LaowaiChinese angibt. Somit kann man also die Feiertage nutzen und nach Herzenlust das Konzept als solches oder auch verschiedene Lehrer austesten, um dann mit guten Vorsätzen ins Neue Jahr zu starten!

Fazit: Wer im China-Stipendium ist und eine “Anlage”möglichkeit für das Geld für den Privatunterricht sucht, bekommt bei ChineseTeachers wirklich etwas für sein Geld. Übrigens würde ich diese Möglichkeit auch wirklich nützen – bei uns im Jahrgang gab es zwar welche, die meinten, dass man in China dafür mehr Unterricht bekommen würde, aber meiner Meinung nach ist man dort mit dem regulären Unterricht sowie Sprachpartnern und vielleicht noch HSK-Kursen so ausgelastet, dass man sich lieber vorher in Deutschland ein bisschen mehr Vorbereitung gönnen sollte.

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