Daily China

Alles rund ums Reich der Mitte

Tagebuch einer Zugfahrt I

April1

Wer China kennenlernen will, wird wohl um Zugfahrten nicht herumkommen. Zum einen verfügt China über ein gut ausgebautes Schienennetz, so dass man (außerhalb von Feiertagen) problemlos fast überall hinkommt, zum anderen ist es einfach ein besonderes Erlebnis, 36 Stunden in einem chinesischen Zug durch die Gegend zu fahren, und somit eine Reiseerfahrung, die man nicht missen sollte. Mit dieser Serie möchte ich euch zeigen, was ich meine …

Geplant ist eine Reise von Peking nach Nanjing. Über die offizielle Seite der chinesischen Bahn kann man sich bei vorhandenen Chinesisch-Kenntnisse über die Zugnummer, Fahrzeit und Ticketpreise informieren. Ein bisschen was zur Theorie findet ihr in meinen Einträgen hier und hier.

Die günstigste Verbindung wäre für mich ein Z-Zug, sehr komfortabel, der  abends um 22.00h losfährt und um 7.00h ankommt. Preis für Hardsleeper: 237 Yuan.

Samstag, 28.03.

An die Deutsche Bahn und ihre Sparpreispolitik gewöhnt, finde ich es schon fast ein bisschen spät, erst sechs Tage vor Abfahrt ein Ticket zu kaufen. Umso überraschter bin ich, als ich am Schalter erfahre, dass man die Tickets seit neuestem erst vier Tage vorher ab 19.00h kaufen kann. Vor zwei Jahren waren es immerhin noch 15 Tage …

Montag, 30.3.

17.30h
Meine Laborkollegen erklären mir, dass am Wochenende Qing Ming Jie ist und alle Leute entweder am Freitag oder am Montag frei haben. Erst freue ich mich darüber, kann ich doch so einen Tag länger in Nanjing bleiben. Allerdings nutzen natürlich auch viele Chinesen das verlängerte Wochenende für Familienbesuche, so dass es mit den Tickets eng werden könnte.

18.30h
Also mache ich mich, wie ich finde, extra-früh auf den Weg. Für die Chinesen nicht früh genug – an dem Ticketschalter in der Nähe des Instituts, der mir die einstündige Fahrt zum Bahnhof erspart, stehen mindestens schon 20 Leute in einer langen Schlange, die sich schon über den Gehsteig hinweg windet. Und während ich warte, kommen immer weitere hinzu, so dass sie am Schluss schon auf der Straße stehen.

19.30h
Endlich bin ich dran, aber nach Nanjing gibt es nur noch Hardseater oder Softsleeper und auch nicht für den Zug, den ich wollte. Ich beschließe also, morgen nochmal zu kommen (früher!!) , um ein Ticket für Samstag zu ergattern.

Dienstag, 31.3.

18.05h
Hah, ich bin die dritte in der Schlange! Dann MUSS es doch einfach klappen …

19.05h
Denkste. Obwohl der Verkäufer wirklich schnell war (er hat schon vor Verkaufsbeginn die zwei ersten in der Schlange gefragt, wo sie hinwollen, damit er vorbereitet ist), sind die Hardsleeper-Tickets für den Abendzug schon weg. Bleibt nur noch ein Zug um 16.00h, der ewige 15 Stunden statt 10 braucht … aber gut. Hauptsache, ich irgendwie komme hin.

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Zugfahren in China

April1

Zugfahren in China ist eine tolle Sache, das könnt ihr hier nachlesen. Hier soll es aber vorrangig um ein paar praktische Belange gehen.

Bahnhof: 火车站. Alle größeren Städten haben mindestens einen; in Peking ist es eher ein Problem, herauszufinden, von welchem man abfährt. Steht aber auf dem Ticket oben links, hier auf das letzte Zeichen (z.B. 西 für Westbahnhof) achten.

Tickets: Am Bahnhof kann man Tickets kaufen (售票厅) oder zurückgeben (退票, gegen eine gewisse Gebühr), wobei die Vorverkaufszeit momentan (April 2009) vier Tage beträgt. Der Verkauf für Freitag fängt dann Montagabend um 19.00h an. Vor Feiertagen (Frühlingsfest (Januar/Februar), Woche um den 1. Oktober, 1. Mai, sowie Qing Ming Jie (April), Duan Wu Jie (Mai, Juni) und Zhong Qiu Jie (Ende September)) ist es wirklich schwierig, Tickets zu bekommen – mindestens eine Stunde vorher anstellen ist Pflicht und selbst dann ist es nicht sicher, ob man welche bekommt. Außerdem gibt es die Tickets für einen Aufpreis von 5 Yuan an den offiziellen Verkaufsstellen, die oft in Reisebüros sind. Auch Hotels können einem manchmal beim Besorgen behilflich sein. Wer sich gut auskennt, kann auch einen 票贩子 beauftragen; diese Erfahrung muss ich aber erst selbst noch machen und werde dann zu gegebener Zeit berichten ;-) .

Züge: Welche Züge für einen in Frage kommen, kann man bei vorhandenen Chinesisch-Kenntnissen auf der Homepage der chinesischen Bahn nachschauen. Alle Züge haben eine Nummer, die Zahlen und meist einem Buchstaben bestehen. Züge ohne Buchstaben sind sehr alt, dementsprechend langsam und unkomfortabel. K steht für 快, also schnell, aber bei uns heißt es ja auch Regionalexpress, obwohl der RE keineswegs schnell ist … K-Züge sind die zweitschlechtesten, verfügen aber wenigstens über eine Klimaanlage. T ist 特快, also besonders schnell, und die sind schon wirklich recht ordentlich. Die neueste Generation sind D-Züge 动车, die sogar noch besser ausgestattet als unsere ICEs sind und deutlich schneller als der Rest. Dann gibt es noch Z-Züge, die besonders luxuriös ausgestattet sind (merkt man tatsächlich an den sanitären Anlagen) und nur zwischen großen Städten fahren.

Klassen: Außer bei D-Zügen wird zwischen Hard 硬 und Soft 软 sowie zwischen Sitz- (座位 zuòwèi) und Schlafplatz (卧铺 wopu) unterschieden, so dass es insgesamt vier Ticketarten gibt. Hardseater ist eine Erfahrung für sich: für eine Tagesfahrt okay und sogar interessant, weil da ganz andere Leute als in den anderen Klassen fahren, aber über Nacht nur im äußersten Notfall – es sei Daily Life - Zug-2denn, man schläft gerne auf einer Zeitung unter dem Sitz und wird um drei Uhr nachts vom Nachbarn geweckt, der jetzt unbedingt mit seinem Handy in voller Lautstärke Musik hören möchte (das Licht wird die ganze Nacht nicht ausgeschaltet). Im Softseater hat man etwas mehr Platz und er entspricht etwa der zweiten Klasse der DB. Über Nacht ist das aber auch nicht so toll, vor allem, da er mehr als Hardsleeper kostet. Im Hardsleeper sind drei Betten übereinander, zwei Reihen bilden ein Abteil, das aber nach vorne hin offen ist – so richtig seine Ruhe hat man also nie. Auf dem untDaily Life - Zug-8ersten Bett kann man bis 1,70m aufrecht sitzen, auf dem obersten bis Hosengröße 50 liegen, ohne den Bauch einziehen zu müssen *g*. Ob man unteres oder mittleres Bett nimmt, hängt letztendlich davon ab, ob es einem etwas ausmacht, wenn noch jemand auf dem Bett sitzt oder nicht (das untere ist etwas teurer). Softsleeper ist in jedem Zug schön, weil man einfach nur eine begrenzte Anzahl von Chinesen hat, die einen nerven können :-) . Klar kann man Pech haben und eine Mutter mit zwei (!!) Kindern abbekommen oder den Mann, der den ganzen Abend Hühnerfüße isst und die Krallen im Raum verstreut, aber insgesamt ist es recht gemütlich und eine 36h-Fahrt am Ende einer langen Reise hat auch ihre entspannenden Seiten.

In den D-Zügen gibt es, ganz kapitalistisch, erste (一等) und zweite (二等) Klasse, was einfach Hard und Soft entspricht.

Abfahrt:  Man kann schon recht früh zum Bahnhof gehen, da die Züge gewöhnlich 40min vorher bereitgestellt werden (auch für Zwischenstopps ist mehr Zeit eingeplant). Vor dem Bahnhof wird manchmal gecheckt, ob man ein gültiges Ticket hat, und außerdem erfolgt eine Taschenkontrolle wie am Flughafen. Im Bahnhof selbst muss man erstmal herausfinden, in welche Wartehalle man gehen muss. Es gibt große Tafeln, auf denen nach und nach alle Züge der nächsten Stunden (mit Nummer) angezeigt werden; ganz rechts steht, wo man hingehen muss. Hierbei ist es hilfreich zu wissen, dass 楼 das Stockwerk (gewöhnlich an erster Stelle, eins ist Erdgeschoss) bezeichnet und 厅 die Wartehalle. Ansonsten einfach mal durchlaufen und gucken, ob man an einer Halle seine Zugnummer sieht! In jeder Wartehalle gibt es wiederum Tafeln, die denn aktuellen Status des Zuges anzeigen; kritisch wird’s bei 正在检票 (Ticketkontrolle), aber das kriegt man schnell mit, weil dann alles zum Tor läuft (als ob man keine Sitzplatzreservierung hätte …). Dann einfach mit der Masse zum Bahnsteig laufen und dort nach der richtigen Wagennummer (车, linke Zahl auf dem Ticket) suchen.

Fahrt: Im Zug gibt es Toiletten, Waschgelegenheiten und Spender für heißes Wasser (für Tee oder Instantnudeln). Es gibt einen Restaurantwagen; zu den Essenszeiten “bedient Sie unser Team auch gerne am Platz”. Für Kurzweil sorgen u.a. Obst-, Kaffee-, Getränke-, Süßigkeiten-, Zeitschriften-, Briefmarken- und Stadtplan-Verkäufer!

Ankunft: Wenn man über Nacht fährt, notiert sich die Zugbegleiterin, wo man aussteigen will, und weckt einen rechtzeitig auf. Ticket aufheben, da das beim Hinausgehen eventuell nochmal kontrolliert wird. Und wenn man in den nächsten Tagen noch weiterreisen will – gleich nächstes Ticket kaufen!

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Visum – WARNUNG!

März28

Ich hasse sie. Ich hasse sie. ICH HASSE SIE. Nicht die Chinesen. Sondern ihre Regierung. Wir halten fest: mit meinem rechnerischen Pro-Kopf-Einkommen könnte ich 20 Chinesen ernähren. Ich bin Staatsbürgerin einer funktionierenden Sozialdemokratie, mit Sozialversicherungssystem, Krankenversorgung und allem möglichem Schnickschnack. Das Einzige, was mich nach China bringt, sind sentimentale Gefühle und das Bedürfnis, mein Chinesisch endlich auch mal anzuwenden. Und nichtsdestotrotz muss ich für die Verlängerung meines Touristenvisums

nachweisen, dass ich mir das Leben in China leisten kann!!

Tja, da sagt man sich, macht nichts, die Lebenshaltungskosten in China sind ja recht niedrig. Aber die chinesische Regierung möchte ja nicht, dass wir Abstriche bei unserem Lebensstandard machen müssen … also hat sie festgelegt, dass man als Ausländer in China pro Tag 100$ braucht. Ohne Übertreibung: das ist das mindestens das Fünffache von dem, was man braucht, wenn man ein wirklich luxuriöses Leben führt. Die meisten Chinesen verdienen in einem gesamten Monat nicht mehr 300$!! Und selbst in Deutschland gehört man schon zu den recht gut Verdienenden, wenn man so viel Geld pro Tag zur Verfügung hat, oder täusche ich mich?

Im Klartext heißt das, dass ich, wenn ich mein Praktikum fortsetzen möchte, so viel Geld auf eine chinesische Bank einzahlen muss, dass ich damit wahrscheinlich schon eine Wohnung anzahlen könnte. Wie lächerlich ist das????

Ihr merkt, dass ich ein klitzekleines bisschen verärgert bin. Hinzu kommt nämlich auch, dass die Verlängerung des Visums ab dem Tag der Beantragung läuft. Wenn ich also nicht noch mehr Geld flüssig machen will, kann ich erst am letzten Tag meines jetzigen Visums ein neues beantragen. Witzigerweise dauert die Bearbeitung ja dann nochmal fünf Tage … das scheint dann aber auch schon egal zu sein.

Okay, tief durchatmen. Nicht mehr aufregen.  Ist ja nur eine Formalität. Aber

ICH HASSE SIE TROTZDEM!!

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Nantong, die Zweite

März24

Am Freitag waren wir in Zhouzhuang, dem “Venedig Chinas”. Zugegebenermaßen, es verfügt über ausreichend Kanäle, aber die Chinesen haben noch nicht ganz begriffen, dass zu Venedig noch ein bisschen mehr als Wasser gehört … und es gibt wohl in Jiangsu und Zhejiang noch viele andere derartige Wasserstädte. Zhouzhuang hat es nur deswegen zu besonderem Ruhm gebracht, weil jemand mal ein Bild davon der UNO geschenkt hat. Naja, aber auf seine Art ist es wirklich ganz pittoresk:

Abends und am Samstag kamen dann die ganzen Familienbesuche – und die waren extra für mich ausgerichtet. Es ist nicht so, dass Chinesen nie Ausländer sehen, aber einen sozusagen in der Verwandschaft zu haben, ist doch nochmal etwas Anderes … Dutzende von Onkel (gibt es da eigentlich eine Mehrzahl?) und Tanten (wenigstens habe ich jetzt mal die ganzen verschiedene Begriffe, die im Chinesischen allein für das Wort “Onkel” existieren, mit Gesichtern verknüpft, und kann sie mir so vielleicht endlich mal merken … ist aber nur eine sehr kleine Hoffnung, es gibt einfach zu viele), Großeltern allerseits und sogar die Eltern ihres Freundes. Die besten Momente: als ein Onkel erwähnte, dass es in China keine M-Rechte gäbe (kleine Zensur meinerseits, ich möchte nämlich gerne weiterbloggen), und alle anfingen zu lachen; ein Großvater, der mich einfach immerzu zahnlos angestrahlt (und das wortwörtlich) hat; und als ich sagen wollte, dass die meisten Leute in Deutschland in Häusern (im Gegensatz zu Wohnung) wohnen, aber sagte, dass sie gerne in Abstellkammern leben *gg*.

Wie ich bei diesen Besuchen also feststellte, waren alle Wohnungen so sauber und ordentlich (auch wenn das von außen überhaupt nNantong - Familie-14icht so aussieht) und überall wurde einem sofort Tee und Obst gereicht. Weitere Verhaltensregel: Chinesen loben sich einfach gerne gegenseitig – mir war das vorher noch gar nicht bewusst gewesen, aber meine Freundin erzählte ständig allen, wie toll und hübsch ich sei … ich rede nicht so über meine Freunde, wenn ich sie mit zu mir nach Hause nehme, glaube ich. Als mir klar wurde, dass sie das vielleicht unhöflich findet, habe ich auch angefangen, die Leute um mich herum zu loben, vor allem natürlich für ihr Englisch (ich habe den VerdaNantong - Familie-16cht, dass ich nicht zuletzt dafür eingeladen wurde, damit die Kinder mal ihr Englisch am Objekt vor versammelter Mannschaft testen können – was den Kindern immer sehr peinlich war). Andererseits hatten wir später auch ein ausführliches Gespräch darüber, dass sie es nicht gut findet, dass deutsche Studenten oder Lehrer den chinesischen Studenten nicht sagen, wenn ihr Englisch schlecht ist. Was nun – Gesicht oder nicht?

Weiterer Erkenntnisgewinn dieses Kurztrips: Mahjong! Zuerst fand ich es einfach nur langweilig … prinzipiell ist es ja wie Rommé, nur dass man keine einzelne Karten ausspielt, sondern so lange Steine tauscht, bis man alle in irgendwelchen Verbindungen hat, und dann schreit: “Gewonnen!” Aber dann haben wir es bei ihrer Großmutter gespielt, die in einem urigen kleinen Häuschen wohnt, bei strömenden Regen, wobei einem ständig Tee und Sonnenblumenkerne nachgereicht wurden … die Stimmung war einfach sooo chinesisch! Außerdem muss man es wirklich schnell spielen – jeder muss die Steine kennen und sie nur so rauswerfen, dann wird’s lustig. Also, wer schließt sich meinem Joy Luck Club an??

Fazit: ein absolut cooles Erlebnis … ich kann euch nur raten, euch chinesische Freunde zu suchen!!!

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Ein Besuch bei Freunden

März24

Die letzte halbe Woche war hier im Blog leider nicht viel los, aber meine Abwesenheit hatte einen guten Grund: ich habe nämlich eine gute Freundin von mir, ihres Zeichens Chinesin, in Nantong, Jiangsu, besucht. Obwohl ich ja bereits ein Jahr bei einer chinesischen Familie gelebt habe, waren die drei Tage dort waren eine echte Bereicherung, was meine Wissen über chinesische Gastfreundschaft und sonstige Alltagskultur angeht. Hört selbst …

Am Mittwoch ging es mit dem Nachtzug von Peking aus los. Sparsam wie ich bin, hatte ich ein Hardsleeper-Ticket gekauft, d.h. sechs Leute in einem zum Gang hin offenen Abteil. Da es sich aber um einen Z- und damit Luxuszug handelte, darf man den Teil mit dem “Hard” nicht wörtlich nehmen und auch die Waschgelegenheit war recht sauber. Das Problem war mehr der freundliche Mann, der mir gegenüber schlief – ich wusste nicht, dass Schnarchen auch die 100 Dezibel-Grenze übersteigen kann! In den frühen Morgenstunden hielt der Zug außerdem ständig, so dass die Nacht insgesamt nicht sehr erholsam war. Sei’s drum, am Donnerstag gegen sieben Uhr (zwölf Stunden Fahrt), am Bahnhof wurde ich von meiner Freundin und ihrem  Freund abgeholt und wir fuhren erstmal zu ihr nach Hause. Die erste Überraschung: die Wohnung war sehr schön hergerichtet und sehr sehr ordentlich. Fast schon ein bisschen zu ordentlich … mal ehrlich, die Ausstellungsküchen von Ikea sehen ja bewohnter aus! Kann natürlich auch daran liegen, dass Chinesen generell oft auswärts essen – aber auf der ganzen Ablage stand kein einziges Gerät oder irgendwelches Essen. Das Wohnzimmer war ähnlich – viele der allseits beliebten Möbel aus rot-schwarzem Holz (die laut meiner Freundin innerhalb weniger Jahren enorm an Wert gewinnen); alle Geräte wie DVD-Player waren mit roten Tüchlein abgedeckt. Immerhin hatten sie die Schilder und Plastikfolien von den Möbeln entfernt *g*(das war bei meiner Gastfamilie in Shanghai nicht der Fall gewesen und man muss sagen, dass solche Folie an heißen Sommertagen nicht gerade eine angenehme Sitzgelegenheit ist). Nicht fehlen durfte natürlich ein riesiger Plasmafernseher, der an war, sobald jemand zu Hause war. Jede Familie hat mind. zwei, eher drei derartige Fernseher – Fernsehwerbung muss in China wirklich teuer sein, bei dem Impact. Offensichtlich ist es bei Chinesen so, dass alte Wohnungen auch wirklich heruntergewirtschaftet werden (da läuft man dann den ganzen Tag mit den Straßenschuhen herum) und neue extrem gepflegt (jede Familie verfügt über ein Dutzend Hausschuhe für Gäste, so dass es selbstverständlich ist, dass jeder entweder seine Schuhe auszieht oder vor der Tür wartet).
Danach ging’s dann zu einem beliebten Tempel in der Gegend, der an sich nichts Besonderes war. Es war jedoch mein erster Besuch mit Chinesen, die sich dort auch um die Gunst Buddhas bemühen wollten – gleich am Eingang Nantong - Langshan-5kaufte meine Freundin also zwei Päckchen Räucherstäbchen, was im Vergleich zu den Einkaufskörben der nachfolgenden Gruppe wenig war. Aber sie kaufte auch noch irgendwelche – tatsächlich muss man sich beim Kauf genau überlegen,  was man von Buddha haben will. Es gibt eine Sorte, die dem Kind Glück in der Schule bringt, eine, die Glück auf Reisen bringt, Glück für die ganze Familie, Glück im Beruf … Wenn man aber erstmal diese schwierige Wahl getroffen hat, istNantong - Langshan-6 der Rest ziemlich einfach. Ich dachte ja immer, man nimmt zwei, drei Stäbchen, verbeugt sich vor dem ersten Buddha, geht dann zum nächsten usw. Tatsächlich gibt es auch die Schnellmethode. Einmal verbeugen und dann ab mit dem ganzen Päckchen in einen Ofen!

Selbst wenn sie keine überzeugten Buddhisten sind, achten die allermeisten Chinesen diese Rituale, nur um “sicherzugehen”, wie sich meine Freundin ausdrückte. Was denn auch dazu führte, dass sie in diesem Jahr keine Ochsenfrösche mehr essen darf (hat ihr ein buddhistischer Lehrer in einem Tempel in Zhouzhuang gesagt). Wenn’s hilft …

Am Donnerstagabend kam dann das große Festmahl. Man muss dazu sagen, dass das nicht extra wegen mir geplant war – die drei Familien hätten sich ohnehin getroffen und so war ich mehr Zaungast bei einem typische chinesischen Abendessen. Wir waren elf Leute und insgesamt wurden 27(!!) Gerichte aufgetragen – kalte Gerichte, Suppen, die üblichen chinesischen Sachen mit Fleisch und Gemüse, Fisch, Rindersteak à la Westen (allerdings mit sehr viel mehr Knochen, als bei uns sonst üblich), Obst … besonders hinweisen möchte ich an dieser Stelle auf die Schlange. Serviert wurden Fleisch und Haut, wobei ich nur ersteres probiert habe – das war dafür extrem lecker! So wie es aussah, hat man die Schlange im Querschnitt halbiert und dann sehr knusprig gebraten – man musste das zarte, absolute magere Fleisch dann wohl von den Rippen abfieseln. Sehr empfehlenswert, genau wie der Ochsenfrosch.  Lustig am Essen war natürlich auch das Drumherum: ständig prostete man sich gegenseitig zu (wobei man aufsteht und mit dem Glas auf die Tischplatte klopft), lud andere dazu ein, mitzuprosten, schenkte sich gegenseitig ein (was natürlich immer erst dreimal abgelehnt wird) … die Lautstärke kann man sich ja vorstellen. Erlaubt und erwünscht ist übrigens auch, den Inhalt des eigenen Glases mit dem Nachbarn zu teilen. Gegen Ende hin nahm das Ganze bizarre Formen an, als einer der Gäste sein Glas auf dem Tisch ausleerte ;-) . Die Sache mit dem Bezahlen war wohl schon vorher ausgemacht gewesen, so dass ich erst bei der anschließenden Bootsfahrt eine Kostprobe des typisch chinesischen Bezahlkampfes abbekam. Die Gegner hier: die Mutter meine Freundin und der 22-jährige Sohn einer anderen Familie. Ich bin nur froh, dass keiner ins Wasser gefallen ist … wie sagte doch jemand so schön: “Die Chinesen haben Kung-Fu nur erfunden, damit sie sich beim Bezahlen durchsetzen können.” Ein Wort zur Bootsfahrt selbst: Nantong ist laut den Erzählungen des Bootsführers der Nabel der Welt – eine Stadt von Kultur, Bildung, Architektur und Sport. Eigentlich komisch, dass es trotzdem soo unbekannt ist. Naja, Heimatliebe wird in China eben ganz groß geschrieben.

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