Chengde, Hebei
Früher der Rückzugsort des Kaisers, wenn ihm die brütende Hitze des Pekinger Sommers einfach unerträglich wurde, heute beliebtes Ausflugsziel 250km nordöstlich von Peking und Weltkulturerbe.
Schon seit ich die ersten Fotos gesehen habe, wollte ich nach Chengde, habe es aber aus diversen Gründen nie geschafft. Auch diesmal wäre mir fast wieder etwas dazwischen gekommen – ursprünglich wollte ich dort übernachten und dazu hätte ich meinen Pass gebraucht, der aber wegen der Visumsverlängerung noch beim PSB (Public Security Bureau, 公安局) ist. Nach einigem Hin und Her habe ich mich schließlich entschlossen, doch zu fahren und einfach nur einen Tag zu bleiben. Was sich im Nachhinein als weise Entscheidung herausgestellt hat, denn ich finde nicht, dass mir ein weiterer Tag noch etwas gebracht hätte. Aber der Reihe nach …
Prinzipiell kann man mit dem Zug oder mit dem Bus von Peking nach Chengde fahren; ersterer braucht zwischen vier und sechs Stunden, zweiterer könnte das Ganze in 2,5h schaffen, braucht aber tatsächlich auch gute vier Stunden, da aus irgendwelchen Gründen nicht auf der Autobahn gefahren wird. Ich habe es letztendlich so gemacht, dass ich mit dem Zug hingefahren bin, weil der Bahnhof leichter zu erreichen ist (alle Busbahnhöfe sind ewig weit außerhalb und haben keine U-Bahn-Verbindung) und mit dem Bus zurück, weil man sich nicht im Voraus um ein Ticket kümmern muss, sondern einfach einsteigt (am Bahnhofsvorplatz in Chengde).
Um fünf Uhr musste ich also los – zu dieser Zeit ist bei mir im Haus noch nicht mal der Aufzug in Betrieb, so dass ich mir meinen Weg durch uns unbeleuchtete Treppenhaus suchen musste. Dann ging’s mit dem Taxi zu einer Haltestelle der Linie 2 (alle anderen Linien fahren frühestens ab 5.30h), die direkt am Hauptbahnhof hält. Die Straßen und die U-Bahn waren menschenleer – sehr ungewöhnlich für eine Stadt mit 15 Mio. Einwohnern. Stell dir vor, es ist China und keiner geht hin
. Aber Peking ist eben nicht New York und hat deswegen einen geregelten Tagesablauf. Punkt sechs Uhr fängt der übliche Trubel an. Zu dieser Zeit war ich bereits auf dem Weg zu meinem Hardsleeper-Wagen und beim Vorbeilaufen an den Hardseater-Wagen heilfroh über die Mehrausgabe von 60 Yuan, die ich mir geleistet hatte. Man hat einfach ziemlich wenig Platz im Hardseater – allerdings lag das auch mit am Zug, denn der Softseater-Bereich sah nicht wesentlich anders aus. Mein Bett erfüllte dagegen alle Erwartungen, so dass ich erholsame drei Stunden Schlaf nachholen konnte. Während ich mir nämlich schon ausgemalt hatte, wie laut es sein würde (im Hardseater fängt nämlich bei Übernachtfahrten auch um 6.00h der Trubel an), ist es in Wahrheit so, dass die Chinesen es nicht gut vertragen, wenn sie vor 6.00h aufstehen müssen, und deswegen fast alle die Fahrt über selig (und ohne Schnarchen!) schlummerten. Herrlich.
Gut ausgeruht kam ich also um 11 Uhr in Chengde an. Provinz, sage ich nur – man vergisst in der Metropole Peking gerne, dass 800 Millionen Chinesen immer noch auf dem Land leben. Und wir sprechen hier nicht von Bauern wie bei “Bauer sucht Frau”, die in fetten Traktoren durch die Gegend cruisen, sondern von solchen, die mit einem von Menschenkraft gezogenen Pflug ihr Feld bestellen. Und das zwei Stunden vom Vogelnest entfernt – schon irgendwie krass.
Aber ich schweife ab … in Chengde klärte ich also erstmal die Rückfahrt ab und machte mich dann auf die Suche nach einem öffentlichen Bus, der mich zur Imperial Summer Villa (避暑山庄) bringen würde. Ist ja kein Problem, man kann ja die Aufschriften und Fahrpläne lesen – bringt einem aber leider nichts, wenn sich die Fahrstrecke geändert hat, obwohl das alte Schild noch draußen hängt. Also wieder raus aus Linie 11 und rein in die 15. Wie gut, dass mir die Fahrkartenverkäuferin dort dann anzeigte, wo ich aussteigen müsse, sonst wäre ich glatt weitergefahren (fairerweise muss man sagen, dass auch hier der Fahrplan mit den Stationen falsch war). Von a
ußen war von dem imposanten Gelände, das ich mir vorstellt hatte, jedenfalls nichts zu sehen. Und innen drin … naja, mäßig, würde ich sagen. Hinter den verschiedenen Thronzimmern etc. kam man dann in den eigentlichen Park, der ein riesiges Gelände mit Hügeln, Seen und Wäldern (mit echten Hirschen) umfasst. Wirklich recht hübsch … während ich noch überlegte, wo ich langlaufen sollte, wurde ich von zwei Mädels angesprochen, die mir erklärten, dass ich mit Ausflugswagen 88% des Parks für nur 40 Yuan sehen würde und sie mir auch kostenlos unterwegs alles erklären würden. Da ich eh’ nichts Besseres zu tun hatte, ging ich auf den Vorschlag ein, und habe auf diese Weise tatsächlich viel mehr gesehen, als ich hätte erlaufen können. Besonders pittoresk war der Ausblick von der Nordseite hin zum kleinen Potala-Palast – dank meiner “Reiseführerin” hatte ich sogar jemanden, der mich in allen Positionen fotografierte (wenn auch nicht besonders geschickt). Zusätzlich kam ich in den Genuss einer Achterbahnfahrt, denn wie dieses kleine Gefährt auf einer Straße, die genauso breit wie das Auto selbst war, die Hügel hoch und runter und um die Kurven düste, kann sich durchaus mit der “Wilden Maus” vergleichen lassen. Noch ein Grund, auf gar keinen Fall auf eigene Faust durch den Park zu wandeln, denn ich möchte nicht wissen, wie viele Touristen nicht schnell genug vom Weg ins Gebüsch hüpfen konnten … Nach einer guten Stunde lieferte mich meine Führerin wieder in der Nähe des Haupteingangs ab, nachdem ich ihr mehrmals versichert hatte, dass ich keine weiteren Tempel mit ihr anschauen wolle, und ihr schließlich 10 Yuan in die Hand gedrückt hatte. Insgesamt war sie schon ganz okay, sie hat mich jedenfalls nicht zu irgendwelchen überteuerten Restaurantbesuchen oder Foto-Shootings überredet.
Als nächstes stand der Nachbau des Potala-Palastes (普陀宗乘) auf dem Programm. Ein Typ von einem der Imbissstände an der Straße war so freundlich, mich zur Bushaltestelle der Linie 118 zu bringen (gegenüber vom Guandi Miao), die direkt vor dem Tempel hält (den kann man übrigens auch nicht übersehen). Für alle, die es noch nicht nach Lhasa geschafft haben, auf jeden Fall sehenswert – ich mochte vor allem die Atmosphäre im Innenhof und den Ausblick von oben. Aber insgesamt war ich auch hier nicht länger als 1,5h, weil ich einfach nicht der Typ bin, der sich jede einzelne Buddha-Statue ganz genau angeguckt – und ansonsten gab es wirklich nicht viel zu sehen.
Wieder auf der Straße, fand ich zum Glück gleich ein Taxi mit einer sehr netten Fahrerin, die mich zum Anyuan Si bringen sollte. Es hätte mich verdächtig stimmen sollen, dass unten kein Schild die richtige Abzweigung anzeigte – oben angekommen stellte ich nämlich fest, dass der Tempel geschlossen war. Dafür führte mich der Weg zurück zur Hauptstraße durch recht urtümliche Ackerlandschaft und das sieht man ja auch nicht alle Tage:
Schließlich ging’s mit der Linie 11 (die übrigens sehr wohl an der Imperial Summer Villa hält!) zurück zum Bahnhof und da konnte ich gleich in den nächsten Bus nach Peking aufspringen. Der erste Teil führte über eine recht holprige Landstraße (der Bus war aber gut gefedert), dafür bekam man auch allerhand von der Landschaft mit – bei einer Raststätte hatte man sogar einen hervorragenden Ausblick auf einen Teil der wilden, nicht restaurierten Mauer. 77 Yuan für ein Doppelsitz ohne Sitznachbarn oder 100 Yuan für ein Bett im Zug – schwierig zu sagen. Fakt ist aber, dass man mit dem Zug zeitlich einfach mehr gebunden ist. Und der Bus setzte mich schließlich an der U-Bahn-Haltestelle San Yuan Qiao an der Linie 10 ab, was für die Weiterfahrt wirklich sehr praktisch war. Ingesamt ist wohl die Kombination aus Zug und Bus zu empfehlen. Und Cheng De selbst? Die Bilder waren schöner als die Realität – kann natürlich auch an der Zeit gelegen haben. Meiner Meinung nach reicht aber ein Tag aus!

