Daily China

Alles rund ums Reich der Mitte

Chengde, Hebei

April18

Früher der Rückzugsort des Kaisers, wenn ihm die brütende Hitze des Pekinger Sommers einfach unerträglich wurde, heute beliebtes Ausflugsziel 250km nordöstlich von Peking und Weltkulturerbe.

Schon seit ich die ersten Fotos gesehen habe, wollte ich nach Chengde, habe es aber aus diversen Gründen nie geschafft. Auch diesmal wäre mir fast wieder etwas dazwischen gekommen – ursprünglich wollte ich dort übernachten und dazu hätte ich meinen Pass gebraucht, der aber wegen der Visumsverlängerung noch beim PSB (Public Security Bureau, 公安局) ist. Nach einigem Hin und Her habe ich mich schließlich entschlossen, doch zu fahren und einfach nur einen Tag zu bleiben. Was sich im Nachhinein als weise Entscheidung herausgestellt hat, denn ich finde nicht, dass mir ein weiterer Tag noch etwas gebracht hätte. Aber der Reihe nach …

Prinzipiell kann man mit dem Zug oder mit dem Bus von Peking nach Chengde fahren; ersterer braucht zwischen vier und sechs Stunden, zweiterer könnte das Ganze in 2,5h schaffen, braucht aber tatsächlich auch gute vier Stunden, da aus irgendwelchen Gründen nicht auf der Autobahn gefahren wird. Ich habe es letztendlich so gemacht, dass ich mit dem Zug hingefahren bin, weil der Bahnhof leichter zu erreichen ist (alle Busbahnhöfe sind ewig weit außerhalb und haben keine U-Bahn-Verbindung) und mit dem Bus zurück, weil man sich nicht im Voraus um ein Ticket kümmern muss, sondern einfach einsteigt (am Bahnhofsvorplatz in Chengde).

Um fünf Uhr musste ich also los – zu dieser Zeit ist bei mir im Haus noch nicht mal der Aufzug in Betrieb, so dass ich mir meinen Weg durch uns unbeleuchtete Treppenhaus suchen musste. Dann ging’s mit dem Taxi zu einer Haltestelle der Linie 2 (alle anderen Linien fahren frühestens ab 5.30h), die direkt am Hauptbahnhof hält. Die Straßen und die U-Bahn waren menschenleer – sehr ungewöhnlich für eine Stadt mit 15 Mio. Einwohnern. Stell dir vor, es ist China und keiner geht hin :-) . Aber Peking ist eben nicht New York und hat deswegen einen geregelten Tagesablauf. Punkt sechs Uhr fängt der übliche Trubel an. Zu dieser Zeit war ich bereits auf dem Weg zu meinem Hardsleeper-Wagen und beim Vorbeilaufen an den Hardseater-Wagen heilfroh über die Mehrausgabe von 60 Yuan, die ich mir geleistet hatte. Man hat einfach ziemlich wenig Platz im Hardseater – allerdings lag das auch mit am Zug, denn der Softseater-Bereich sah nicht wesentlich anders aus. Mein Bett erfüllte dagegen alle Erwartungen, so dass ich erholsame drei Stunden Schlaf nachholen konnte. Während ich mir nämlich schon ausgemalt hatte, wie laut es sein würde (im Hardseater fängt nämlich bei Übernachtfahrten auch um 6.00h der Trubel an), ist es in Wahrheit so, dass die Chinesen es nicht gut vertragen, wenn sie vor 6.00h aufstehen müssen, und deswegen fast alle die Fahrt über selig (und ohne Schnarchen!) schlummerten. Herrlich.

Gut ausgeruht kam ich also um 11 Uhr in Chengde an. Provinz, sage ich nur – man vergisst in der Metropole Peking gerne, dass 800 Millionen Chinesen immer noch auf dem Land leben. Und wir sprechen hier nicht von Bauern wie bei “Bauer sucht Frau”, die in fetten Traktoren durch die Gegend cruisen, sondern von solchen, die mit einem von Menschenkraft gezogenen Pflug ihr Feld bestellen. Und das zwei Stunden vom Vogelnest entfernt – schon irgendwie krass.

Aber ich schweife ab … in Chengde klärte ich also erstmal die Rückfahrt ab und machte mich dann auf die Suche nach einem öffentlichen Bus, der mich zur Imperial Summer Villa (避暑山庄) bringen würde. Ist ja kein Problem, man kann ja die Aufschriften und Fahrpläne lesen – bringt einem aber leider nichts, wenn sich die Fahrstrecke geändert hat, obwohl das alte Schild noch draußen hängt. Also wieder raus aus Linie 11 und rein in die 15. Wie gut, dass mir die Fahrkartenverkäuferin dort dann anzeigte, wo ich aussteigen müsse, sonst wäre ich glatt weitergefahren (fairerweise muss man sagen, dass auch hier der Fahrplan mit den Stationen falsch war). Von aChengde - Bi Shu Shan Zhuang-1ußen war von dem imposanten Gelände, das ich mir vorstellt hatte, jedenfalls nichts zu sehen. Und innen drin … naja, mäßig, würde ich sagen. Hinter den verschiedenen Thronzimmern etc. kam man dann in den eigentlichen Park, der ein riesiges Gelände mit Hügeln, Seen und Wäldern (mit echten Hirschen) umfasst. Wirklich recht hübsch … während ich noch überlegte, wo ich langlaufen sollte, wurde ich von zwei Mädels angesprochen, die mir erklärten, dass ich mit Ausflugswagen 88% des Parks für nur 40 Yuan sehen würde und sie mir auch kostenlos unterwegs alles erklären würden. Da ich eh’ nichts Besseres zu tun hatte, ging ich auf den Vorschlag ein, und habe auf diese Weise tatsächlich viel mehr gesehen, als ich hätte erlaufen können. Besonders pittoresk war der Ausblick von der Nordseite hin zum kleinen Potala-Palast – dank meiner “Reiseführerin” hatte ich sogar jemanden, der mich in allen Positionen fotografierte (wenn auch nicht besonders geschickt). Zusätzlich kam ich in den Genuss einer Achterbahnfahrt, denn wie dieses kleine Gefährt auf einer Straße, die genauso breit wie das Auto selbst war, die Hügel hoch und runter und um die Kurven düste, kann sich durchaus mit der “Wilden Maus” vergleichen lassen. Noch ein Grund, auf gar keinen Fall auf eigene Faust durch den Park zu wandeln, denn ich möchte nicht wissen, wie viele Touristen nicht schnell genug vom Weg ins Gebüsch hüpfen konnten … Nach einer guten Stunde lieferte mich meine Führerin wieder in der Nähe des Haupteingangs ab, nachdem ich ihr mehrmals versichert hatte, dass ich keine weiteren Tempel mit ihr anschauen wolle, und ihr schließlich 10 Yuan in die Hand gedrückt hatte. Insgesamt war sie schon ganz okay, sie hat mich jedenfalls nicht zu irgendwelchen überteuerten Restaurantbesuchen oder Foto-Shootings überredet.

Als nächstes stand der Nachbau des Potala-Palastes (普陀宗乘) auf dem Programm. Ein Typ von einem der Imbissstände an der Straße war so freundlich, mich zur Bushaltestelle der Linie 118 zu bringen (gegenüber vom Guandi Miao), die direkt vor dem Tempel hält (den kann man übrigens auch nicht übersehen). Für alle, die es noch nicht nach Lhasa geschafft haben, auf jeden Fall sehenswert – ich mochte vor allem die Atmosphäre im Innenhof und den Ausblick von oben. Aber insgesamt war ich auch hier nicht länger als 1,5h, weil ich einfach nicht der Typ bin, der sich jede einzelne Buddha-Statue ganz genau angeguckt – und ansonsten gab es wirklich nicht viel zu sehen.

Wieder auf der Straße, fand ich zum Glück gleich ein Taxi mit einer sehr netten Fahrerin, die mich zum Anyuan Si bringen sollte. Es hätte mich verdächtig stimmen sollen, dass unten kein Schild die richtige Abzweigung anzeigte – oben angekommen stellte ich nämlich fest, dass der Tempel geschlossen war. Dafür führte mich der Weg zurück zur Hauptstraße durch recht urtümliche Ackerlandschaft und das sieht man ja auch nicht alle Tage:

Schließlich ging’s mit der Linie 11 (die übrigens sehr wohl an der Imperial Summer Villa hält!) zurück zum Bahnhof und da konnte ich gleich in den nächsten Bus nach Peking aufspringen. Der erste Teil führte über eine recht holprige Landstraße (der Bus war aber gut gefedert), dafür bekam man auch allerhand von der Landschaft mit – bei einer Raststätte hatte man sogar einen hervorragenden Ausblick auf einen Teil der wilden, nicht restaurierten Mauer. 77 Yuan für ein Doppelsitz ohne Sitznachbarn oder 100 Yuan für ein Bett im Zug – schwierig zu sagen. Fakt ist aber, dass man mit dem Zug zeitlich einfach mehr gebunden ist. Und der Bus setzte mich schließlich an der U-Bahn-Haltestelle San Yuan Qiao an der Linie 10 ab, was für die Weiterfahrt wirklich sehr praktisch war. Ingesamt ist wohl die Kombination aus Zug und Bus zu empfehlen. Und Cheng De selbst? Die Bilder waren schöner als die Realität – kann natürlich auch an der Zeit gelegen haben. Meiner Meinung nach reicht aber ein Tag aus!

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China-Newbies – Nützliches zum Zugfahren

April9

Für alle, die nach meinen Beschreibung so richtig Lust auf eine chinesische Zugfahrt bekommen habe, gibt es hier noch ein paar Hilfestellungen. Allgemeines zum Zugfahren siehe auch hier.

Ein Visual Guide fürs Zurechtfinden im Bahnhof (solche Tafeln hängen meist direkt gegenüber des Haupteingangs):

Daily Life - Zug-10

Von der Wartehalle aus muss man nur der Menge hinterher zum richtigen Gleis laufen. Schwierig wird’s erst wieder am Zug, denn welche Zahl heißt was?

Daily Life - Zug-11

Wie gesagt, immer gucken, zu welchem Bahnhof man muss, das macht nämlich einen ganz schönen Unterschied. Bestes Beispiel: mit den D-Zügen braucht man von Nanjing nach Peking zwar nur noch 8 statt 10 Stunden, aber die halten alle am Südbahnhof (北京南站) und von da braucht man bis zur nächsten U-Bahn-Haltestelle eine ganze Stunde. Da wird die Zeitersparnis gleich viel kleiner …

Zu guter Letzt noch eine kleine Liste von Dingen, die man auf einer längeren Zugfahrt brauchen könnte:

  • ein kleines Handtuch
  • Seife in Blattform (gibt es bei einem deutschen Drogeriemarkt mit zwei Buchstaben) – Seife gibt’s nämlich nie
  • Klopapier/Kleenextücher/genügend Taschentücher (das ist sowieso für die ganze China-Reise obligatorisch, denn auf den wenigsten Toiletten wird Papier gestellt)
  • Badelatschen, damit man nicht immer die Schuhe an- und ausziehen muss (auch die sind auf der ganzen Reise nützlich, wenn man bedenkt, dass chinesische Duschen grundsätzlich das ganze Bad unter Wasser setzen; allerdings sollte man sie zwischen dem Klobesuch und der nächsten Dusche besser gründlich abwaschen *g*)
  • Ohropax oder gut abdichtende Kopfhörer gegen die Dudelmusik im Hardsleeper oder schnarchende Mitreisende
  • ein chinesisches Teeglas (man wirft erst den losen Tee rein und steckt dann ein mitgeliefertes Sieb fest), denn im Zug gibt es eine Heißwassermaschine
  • ein Stickset, um sich die Zeit zu vertreiben :-)

Weitere Berichte zum Zugfahren in China.

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Nanjing im Frühling

April8

Meine Befürchtungen, dass ich noch den letzten Rest des berühmt-berüchtigten Nanjinger Winters mitkriegen würde, haben sich zum Glück nicht bewahrheitet. Stattdessen habe zusammen mit meiner Gastfamilie bei angenehmen 15-20°C zwei hübsche Parks besucht – wer hätte gedacht, dass Nanjing über soviel Naherholungsgebiete verfügt? Wobei, NAHerholung ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort, immerhin sind wir zum Zhen Zhu Quan-Park (Perlenquelle, da aus der Quelle Gasblasen aufsteigen, die bei richtigem Lichteinfall tatsächlich wie Perlen aussehen) eine gute Stunde mit dem Bus gefahren. Schön war’s trotzdem und ich möchte euch natürlich die grüne Seite Chinas nicht vorenthalten:

Ansonsten habe ich die üblichen Nanjinger Favourites genossen: Sandwiches und Cookies aus dem Skyways, Tangbaos (mit Suppe gefüllte Teigtaschen), Shopping im Fashion Lady (sehr chinesisches unterirdisches Shoppingcenter mit allem, was chinesische Mädels lieben – Klamotten, Maniküre, Stickläden und Hello Kitty-Schnickschnack), die hervorragende Auswahl an Chinesisch-Lehrbüchern im Foreign Language Bookstore (deutlich besser als das, was ich bisher in Peking finden konnte) und viel Elektrozeugs im Bai Nao in der Zhu Jiang Lu. Außerdem habe ich mal wieder bei meiner ehemaligen Uni vorbeigeschaut und mir nun auch bestätigen lassen, wie viele Credit Points ich für die Vorlesungen bekomme. Nur gut, dass ich immer wieder in der Gegend bin – ich glaube nicht, dass sich so etwas auch nur annähernd per Email lösen ließe. Ist man dagegen vor Ort, ist alles gar kein Problem: der Typ, der mir alles bestätigt hat, hat sich nicht wirklich dafür interessiert, ob ich meine Noten korrekt angegeben habe, sondern war nur sehr besorgt, weil ich ganz unten nicht “Nanjing University” hingeschrieben hatte und er deswegen nicht wusste, wo er seinen Stempel hinmachen sollte!

Es war toll, wieder auf der Hunan Lu und mitten im Geschehen zu sein – etwas, was ich hier in Peking schmerzlich vermisse, da ich ziemlich außerhalb wohne und zusätzlich in meinem Viertel wegen der olympischen Spiele quasi jedes Nachtleben in Form von Nachtmärkten untersagt ist. Aber es ist auch der generelle Unterschied zwischen Groß- und Kleinstadt, der sich hier zeigt, wobei im Fall von China die Kleinstadt mit ihren vielen Fahrradfahrern und dem ständigen Gehupe lebendiger ist als die “kultivierte” Großstadt. Peking ist ein tolle Stadt mit vielen Möglichkeiten, aber im Alltag kommt man wirklich selten dazu, diese auch zu nutzen, und ich glaube, wenn ich wieder länger in China bleibe und es mir aussuchen kann, dann gehe ich wieder in eine kleinere Stadt. Und übers Wochenende fahre ich nach Nanjing :-)

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Tagebuch einer Zugfahrt III

April6

22.46h
Ich liege ganz am Ende eines Wagens, neben dem Waschbereich. Quizfrage:

Was ist daran am nervigsten?

a) Dass alle Leute, die aufs Klo wollen, auf jeden Fall an mir vorbeigehen müssen.

b) Dass die ganze Zeit Licht brennt.

c) Das sagenhafte, unbeschreibliche Geräusch, mit dem Chinesen den Schleim sammeln, bevor sie kraftvoll ausspucken (ich weiß, das liest sich schrecklich eklig, aber ich versichere euch, dass es in echt noch viel ekliger klingt!). Das tun sie im Hardsleeper, weil sie ja sehr kultiviert sind, nur ins Waschbecken – im Hardseater gelten solche Einschränkungen nicht.

22.47h
c)!!!

2.10h
Die Leute, die demnächst aussteigen wollen, machen sie unglaublich lautstark zu eben diesem bereit.

2.23h
Mit dem gleichen Getöse steigen sie endlich aus.

3.59h
Hatte ich schonmal erwähnt, dass die Antwort c ist??

4.30h
Die nächsten Station nähert sich – siehe 2.10h.

5.25h
Warum in Gottes Namen sollte man im Zug, wo man eh nichts zu tun hat, so früh aufstehen wollen? Tut aber mindestens ein Viertel der verbleibenden Fahrgäste. Es ist immer noch c.

6.01h
Die Zugbegleiterin sammelt die Platzkarten wieder ein und gibt einem dafür das ursprüngliche Papierticket zurück. Was zunächst wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme aussieht, erfüllt tatsächlich einen Zweck: so weiß sie, wann sie wen wecken muss.

6.30h
Die letzte halbe Stunde ist die beste Stunde Schlaf im Zug … ich bin so müde, dass ich sogar c) ausblenden kann und in wundervolle 20 Minuten Tiefschlaf versinke.

7.05h
Okay, die Tonbandansage, die auf Chinesisch und Englisch die Vorzüge Nanjings anpreist, kann man nicht ausblenden. Ich habe immer noch nicht verstanden, warum man Leute, die ohnehin auf dem Weg dorthin sind, ihre Reiseziel noch schmackhaft machen muss.

7.20h
Ich habe wohl geträumt, dass ich ein kleiner kläffender Köter bin, der sich in eine feiste Wade verbissen hat. Nur so lässt sich erklären, warum mein Kiefer so verspannt ist. Oder aber ich habe als Abwehrreaktion auf c) meinen Mund gaaanz fest zugemacht.

7.30h
Witzigerweise fühlen sich die Chinesen wohl genauso zerknüllt wie ich, denn morgens kommt eigentlich nie eine richtige Unterhaltung zustande.

7.39h
Die letzte Ticketkontrolle (es waren ja erst vier: beim Betreten des Bahnhofs; beim Verlassen der Wartehalle Richtung Gleis; beim Einsteigen in den Zug; am Platz bei der Ausgabe der Platzkarte) findet beim Verlassen des Bahnhofs statt. Hier zeigt sich mal wieder, dass die Einführung des Anstehtages am 11. jeden Monats eine durchaus sinnvolle Sache war und unbedingt fortgeführt werden sollte, da leider noch nicht alle Chinesen davon profiitiert haben.

Und die Moral von der Geschicht’: Eine Zugfahrt, die ist anstrengend, aber auch amüsant. Fairerweise muss man zugeben, dass es sich im Softsleeper viel angenehmer schlafen lässt, weil man ja vom ständigen Ein- und Aussteigen in der Regel wenig mitkriegt. Dafür knüpft man aber nicht so viele Kontakte.
In jedem Fall war es sicher nicht meine letzte Zugfahrt und tatsächlich hoffe ich, dass ich auch euch Appetit machen konnte …

Teil I
Teil II

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Tagebuch einer Zugfahrt II

April5

12.22h
Nachdem ich noch kurz im Labor war und mich unterwegs mit Tupperboxen (sehr chinesisch mit Blütenmuster) und Proviant eingedeckt habe, komme ich nach Hause. Nur noch schnell eine Maschine Wäsche reinwerfen, damit die in meiner Abwesenheit trocknen kann …

13.46h
Murphy’s Gesetz hat sich mal wieder bewahrheitet: nachdem sich meine Waschmaschine schon die ganzen letzten Tage Geräusche gemacht hat, als ob sie Richtung Mond abheben will, hat sie heute endgültig den Geist aufgegeben. Tja, damit muss ich mich wohl beschäftigen, wenn ich wieder da bin … schnell meinen Hello Kitty-Plüschanzug (so etwas braucht man an kalten Pekinger Abenden!!) notdürftig ausgewrungen und ab geht’s zur Bushaltestelle.

15.20h
Mein neuer Weg zum Bahnhof (Bus+U-Bahn) ist zwar nicht schneller (immer noch eine Stunde), aber mit Gepäck deutlich bequemer als der alte (Bus+U-Bahn+U-Bahn+U-Bahn+U-Bahn). Kurz überlege ich mich, ob ich meinem Chinesentum heute endgültig die Krone aufsetzen und so wie 200 andere Chinesen auch VOR dem Bahnhof (auf einer Zeitung sitzend oder einem Reissack schlafend) auf meinen Zug warten soll, entscheide mich dann aber doch dagegen. Ich habe weder Zeitung noch Reissack dabei.Daily Life - Zug-10

15.35h
Nächstes Mal nehme ich definitiv einen Reissack mit. Egal, zu welcher Tages- oder Nachtzeit man mit welchem Zug fährt, die Wartehalle ist völlig überfüllt (siehe Video). Draußen hat man eindeutig mehr Platz.

15.40h
Die Schafe dürfen auf die Weide! Jedenfalls stürmen die sicher genauso rücksichtslos nach vorne wie meine Mitreisenden. Hat man ihnen eigentlich mal gesagt, dass es von jeder Platznummer nur eine Karte gibt?

16.00h
Wie üblich kommt jemand und behauptet, dass ich auf seinem Bett liegen würde. Wie üblich lässt sich das durch einen simplen Kartenvergleich aufklären und wie üblich liege ich richtig. Aber gut, dass wir darüber gesprochen haben.

17.30h
Nachdem der Essensverteiler zum fünften Mal mein Nachmittagsschläfchen mit einer lautstarken Verkündigung seines Angebots unterbrochen hat, kriege auch ich Hunger (wohlgemerkt wegen der Uhrzeit, nicht etwa wegen seines Angebots!). Bei mir stehen auf der Speisekarte: zwei Fladenbrötchen, die ich heute aus der Mensa geholt habe (warm sind die echt gut), Kirschtomaten, Erdbeeren, Oreos und zur Not noch Tuc-Kräcker und Gummibärchen. Ich weiß, nicht gerade nahrhaft, aber in Peking kenne ich noch kein Skyways, wo man sich einfach ein paar Sandwiches mitnehmen könnte … Während des Essens bewundere ich die Landschaft: eine absolut häßliche Industriestadt und ihre Ausläufer. So hässlich, dass sie schon fast wieder fotogen wäre. Bin mir aber ziemlich sicher, dass auf Fotos nur die Hässlichkeit rüberkommen würde, und lasse es deswegen gleich.

18.05h
Mit einer simplen Frage nach dem Namen der aktuellen Station liefere ich ihnen die Vorlage, auf die sie nur gewartet haben. „Du sprichst aber gut Chinesisch!“ – und schon sitzen drei Männer und eine Frau um mich herum. Die Leute von den Betten über uns beteiligen sich natürlich auch munter. Ring frei für die mit Abstand interessanteste Diskussion, die ich während einer Zugfahrt geführt habe!

18.15h
Es fängt mit Belanglosigkeiten an – wer woher kommt, was man macht, wie schlimm man von der Wirtschaftskrise getroffen ist, wohin man fährt. Das führt zu einer Diskussion über die Vorteile verschiedener Regionen Chinas. Wir kommen zurück zu mir und den Unterschieden zwischen dem Westen und China, woraus sich eine detaillierte Untersuchung des chinesischen Hochschulsystems ergibt. Aus irgendeinem Grund landen wir dann beim Panjiayuan und stellen anschließend fest, dass Männer überall auf der Welt gleich sind (auch chinesische Männer hassen Bummeln und lange Telefonate).

21.23h
Ich klinke mich kurzzeitig aus der Diskussion über das Wasseraufbereitungsgerät, das die Firma eines Mitreisenden vertreibt, aus, um mir noch bettfertig machen zu könne, bevor das Licht ausgeht. Wow, die Zeit verging echt schnell, und ich hatte noch nicht mal Zeit, mit dem Sticken meines nächsten Schlüsselanhängers anzufangen!

22.14h
Der Typ mit dem Wasseraufbereitungsgerät ist besonders hartnäckig und erklärt mir den Mechanismus nochmal im Detail (das Gerät bricht die Wasserstoffbrücken und macht das Wasser somit kleiner, damit es von den Zellen besser aufgenommen werden kann – wozu gibt es eigentlich Porine??). Mein Bettnachbar gegenüber, Typ Realist, lässt sich nicht überzeugen. Richtig interessant wird es, als mich Mr. Sauberes-Wasser (der wirklich nett ist) sehr ernsthaft fragt, ob ich eine Botschaft hätte, die ich den Chinesen mitteilen möchte. Okay, nichts Falsches sagen – auch wenn ich mir wie ein Vertreter von einem anderen Planeten vorkomme, sehe ich von allen lustigen Bemerkungen à la „Nach Hause telefonieren“ ab. Leider komme ich nicht wirklich dazu, meine Meinung ausführlich darzulegen, da wir vom oberen Bett mit Hinweis auf Schlafenszeit unterbrochen werden. Echt schade. Obwohl – wenn ich es mir recht überlege, muss ich meine Meinung erst noch in astreinem Chinesisch ausformulieren. Am Ende hört noch wirklich jemand darauf!!

Teil I

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