Leslie T. Chang – “Factory Girls”
Ein Land von Dissidenten und Wanderarbeitern – das dürfte so ziemlich das Bild sei, das der Durchschnitssdeutsche von China im Kopf hat. Während erstere in Wahrheit eine überaus kleine Minderheit darstellen, ist die Bevölkerung der Wanderarbeiter mit rund 200 Mio. zweifelsohne eine ernstzunehmende Kraft. Und weil schon allein der Begriff “Wanderarbeiter” so schön nach kapitalistisch-kommunistischer Ausbeutung klingt, finden sich trotz mangelnder Englisch-Kenntnisse der Betroffenen mit schöner Regelmäßigkeit Berichte über die unzumutbare Arbeitsbedingungen/Lohnverweigerung/ihr besch****ene Leben in ausländischen Medien. Hmpf. Mit Sicherheit gibt es eine Gruppe von Wanderarbeitern, deren Leben diesen Berichten entspricht. Aber sie stellen nicht unbedingt die Mehrheit dar, wie Leslie T. Changs gut recherchierte Reportage in Buchform “Factory Girls – From Village to City in a Changing China” zeigt.
Die Autorin ist US-Chinesin und hat mit diesem Buch nicht nur ihre Berichterstattung für das WSJ weitergeführt, sondern auch versucht, die Geschichte ihrer eigenen Familie aufzuarbeiten. Während letzteres sehr langatmig ausfällt und sich wenig von anderen Familiensagas unterscheidet, sind ihre Beobachtungen über die Arbeiterinnen von Dongguan – der Fabrikstadt für “Made in China” in Südchina – äußerst informativ und verändern die Bilder, die man mit Wanderarbeitern assoziiert, ganz gewaltig. Über mehrere Jahre hinweg hat Leslie Chang einzelne Mädchen auf ihrem Lebensweg begleitet und es dabei geschafft, ein vollständiges Bild von ihren Lebensumständen, ihren Träumen und Wünschen, aber auch ihren Ängsten und Rückschlägen zu bekommen. Diese junge Frauen finden nicht, dass sie sich am Boden der Gesellschaft befinden und von der wirtschaftlichen Entwicklung als Abfallprodukt zurückgelassen werden. Ihr Leben ist hart, ihre Schichten lang, aber für sie stellt ihre Fließbandarbeit die willkomene Möglichkeit da, das triste Dorfleben hinter sich zu lassen und sich selbst zu entwickeln. Englischlernen ist das große Ziel, die Beförderung von der einfachen Arbeiterin zur Schreibkraft (notfalls auch mit gefälschten Zeugnissen) kann der Anfang eines ganz neuen Lebens sein. Der Lohn, so wenig es für uns auch sein mag, reicht, um den Mädchen Autorität innerhalb der Familie zu geben, zu bestimmen, wann ein Badezimmer gebaut wird und welches der jüngeren Geschwisterkinder weiter zur Schule gehen soll.
Jedes Kapitel ist einem anderen Lebensbereich gewidmet und überall unterlegt die Autorin harte Fakten mit Beispielen aus dem Leben ihrer “Schützlinge” und deren Umfeld. Für so viel gute Informationen nimmt man dann auch gerne Passagen über ein bisschen zu detailliert beschriebene Verwandtschaftsbesuche in Kauf.
Der Name Dongguan fällt immer mal wieder in Artikeln und Blogposts. Wer wissen will, was dahintersteckt, kommt um “Factory Girls” nicht herum. Nicht umsonst von der NY Times zu einem bemerkenswerten Buch erklärt worden.
ISBN: 978-0385520188
Zum Thema:
Video über die größte Shoppingmall der Welt, natürlich in Dongguan
