Gestern war nach dem ganzen Ärger mit dem Visum zur Abwechslung etwas Sightseeing angesagt. Wenn man es so nennen will. Ich würde den Panjiayuan, den größten Antik-Flohmarkt Pekings, jedenfalls als Sehenswürdigkeit bezeichnen.
So habe ich mich also trotz bitterster Kälte (zwischendrin hat es sogar ein bisschen geschneit!) auf den Weg in den Südosten der Stadt gemacht. Den genauen Weg kannte ich nicht, also bin ich einfach an der Haltestelle, die auf der Karte am nächsten aussah – und siehe da, gleich jede Menge Ausländer, denen man nachlaufen konnte *g*. Damit ihr euch nicht wie ein drittklassiger Detektiv vorkommen müsst, hier eine Beschreibung (wirklich sehr leicht zu finden): an der Haltestelle Jinsong auf der Linie 10 aussteigen, bei Ausgang D rausgehen. Dann einfach die Straße nach Süden (von der Treppe geradeaus weiter) laufen und nach etwa 7min recht ins in die Panjiayuan-Straße einbiegen. Das Gebiet hinter der Mauer gegenüber ist dann schon der Markt; der Haupteingang ist von der Kreuzung noch etwa drei Minuten.
Um euch mal einen Überblick darüber zu verschaffen, was man da so alles kaufen kann, habe ich ganz viele Fotos gemacht:
Ich hasse sie. Ich hasse sie. ICH HASSE SIE. Nicht die Chinesen. Sondern ihre Regierung. Wir halten fest: mit meinem rechnerischen Pro-Kopf-Einkommen könnte ich 20 Chinesen ernähren. Ich bin Staatsbürgerin einer funktionierenden Sozialdemokratie, mit Sozialversicherungssystem, Krankenversorgung und allem möglichem Schnickschnack. Das Einzige, was mich nach China bringt, sind sentimentale Gefühle und das Bedürfnis, mein Chinesisch endlich auch mal anzuwenden. Und nichtsdestotrotz muss ich für die Verlängerung meines Touristenvisums
nachweisen, dass ich mir das Leben in China leisten kann!!
Tja, da sagt man sich, macht nichts, die Lebenshaltungskosten in China sind ja recht niedrig. Aber die chinesische Regierung möchte ja nicht, dass wir Abstriche bei unserem Lebensstandard machen müssen … also hat sie festgelegt, dass man als Ausländer in China pro Tag 100$ braucht. Ohne Übertreibung: das ist das mindestens das Fünffache von dem, was man braucht, wenn man ein wirklich luxuriöses Leben führt. Die meisten Chinesen verdienen in einem gesamten Monat nicht mehr 300$!! Und selbst in Deutschland gehört man schon zu den recht gut Verdienenden, wenn man so viel Geld pro Tag zur Verfügung hat, oder täusche ich mich?
Im Klartext heißt das, dass ich, wenn ich mein Praktikum fortsetzen möchte, so viel Geld auf eine chinesische Bank einzahlen muss, dass ich damit wahrscheinlich schon eine Wohnung anzahlen könnte. Wie lächerlich ist das????
Ihr merkt, dass ich ein klitzekleines bisschen verärgert bin. Hinzu kommt nämlich auch, dass die Verlängerung des Visums ab dem Tag der Beantragung läuft. Wenn ich also nicht noch mehr Geld flüssig machen will, kann ich erst am letzten Tag meines jetzigen Visums ein neues beantragen. Witzigerweise dauert die Bearbeitung ja dann nochmal fünf Tage … das scheint dann aber auch schon egal zu sein.
Okay, tief durchatmen. Nicht mehr aufregen. Ist ja nur eine Formalität. Aber
Seit sechs Tagen wohne ich nun schon in meiner neuen Wohnung, die in einer chinesischen Siedlung fünf Minuten vom Institut entfernt liegt. Fast könnte man sagen, dass ich mich eingelebt hätte, wären da nicht immer wieder diese kleinen Ereignisse, die mich mit Zweifeln erfüllen: der Boiler hat ständig einen Wackelkontakt … das Abflussrohr in der Küche läuft nicht richtig ab, obwohl ich es quasi nicht benutzt habe … Aber mit ein bisschen Fleiß lassen sich die meisten Probleme über kurz oder lang lösen.
Wer noch nie in einer chinesischen Wohnung gewohnt hat, würde sich vielleicht immer noch über den Zustand der Küche oder des Bades wundern. Tatsächlich habe ich aber den ganzen Sonntag mit Putzen verbracht und was übrig blieb, sind die Farbkleckser der letzten Maleraktion (von Abkleben und derlei Schnickschnack haben die Chinesen noch nie etwas gehört) und die Kachelverfärbungen. Also habe ich den Boden jetzt als “rein” definiert, behalte aber mein Hausschuhe konsequent an . Hinzu kommt nämlich auch, dass in China alles viel schneller schmutzig wird (fatale Kombination aus undichten Fenstern, ohnehin hoher Staubkonzentration und ständigen Bauarbeiten in irgendeiner der anderen Wohnungen), so dass man wirklich jeden Tag durchwischen muss/müsste.
Das Bad ist typisch chinesisch und wird deswegen bei jeder Dusche komplett unter Wasser gesetzt, trocknet aber auch erfreulich schnell. Der Boiler funktioniert jetzt wieder gut (ich habe einfach nochmal einen anderen Stecker in die Steckdose gesteckt, der da drinnen wohl wieder etwas gerade gerückt hat; jetzt hält jedenfalls auch der Boilerstecker wieder), die Toilette ist zumindest westlich. Sorgen macht mir noch die Sache mit dem Klopapier: angeblich verträgt das chinesische Abflusssystem kein Papier, aber ich KANN mich einfach nicht dazu durchzuringen und wie die Chinesen das benutzte Papier in den Müll werfen … die Vorstellung allein ist schon zu eklig. Und in Nanjing ist ja auch nichts Größeres an Überschwemmungen passiert. Außerdem ist das Bad recht dunkel, weswegen ich mir eine Schminkkommode im Schlafzimmer eingerichtet habe.
Im Vorraum steht nichts außer dem Kühlschrank und einem ehemaligen Bücherregal, das als Aufbewahrung für Geschirr und meine wenigen Lebensmittel dient. Für einen Tisch und Stühle bin ich a) zu kurz hier und esse b) zu selten zu Hause.
Auch die Küche ein schmuckloser Raum: den Gasherd werde ich wohl nur selten benutze und nach meinen letzten Erfahrungen werde ich auch das Waschbecken mit Vorsicht behandeln (meine Vermieterin behauptet übrigens, dass es ein U-Rohr ist, und ganz normal abläuft). Abflussrein ist jedenfalls immer in Reichweite *g*.
Die meiste Zeit verbringe ich dementsprechend in meinem Schlafzimmer, das groß, hell und beinahe gemütlich ist. Das Bett ist wunderbar, mit einer dicken(!) Matratze (ob der Vermieterin wohl egal ist, wenn sich meine Knochen verformen??). Schreibtisch, Bücherkommode und Schminktisch sowie ein großer, neuer Kleiderschrank und zwei Fernsehsessel – alles da, was man braucht. Den Fernseher selbst habe ich – zum völligen Unverständnis meiner Vermieterin – auf den Balkon verfrachtet. Ein paar Kleinigkeiten wie eine dicke Decke, eine anständige Lampe und vielleicht ein bisschen Deko fehlen noch, aber insgesamt fühle ich mich da schon recht wohl.
Einen Balkon gibt es also auch noch. Den zu putzen hatte ich mir bis zum Schluss aufgehoben, denn man kann sich vorstellen, wie der Boden aussieht, wenn der Staub nur eine einzige Reihe von sehr undichten und teilweise nicht schließbaren Fenstern durchdringen muss … zum Wäscheaufhängen und Kleider-Auslüften (Mensa lässt grüßen) ist er aber ideal und wer weiß, vielleicht werde ich da draußen sogar mal ein laues Lüftchen genießen, wenn der Frühling erst mal richtig da ist.
Das Interessanteste an meiner Wohnung ist wohl meine Vermieterin . Eine waschechte Pekingerin, lautstark und mit vielen “ar’s” hinter jedem Wort. Sie kennt keinerlei Berührungsängste und lässt sich nicht erst lange hereinbitten. Ein Blick ins Zimmer ist Pflicht – teils, weil sie wohl Angst um ihre Wohnung hat, teils, weil sie neugierig ist, wie ich so lebe. Was ich zu essen da habe, wie ich die Waschmaschine einstelle, ob mein Pulli warm hält, all das sind Dinge, für die sie sich en detail interessieren kann *g*. Dafür kümmert sie sich auch rührend um mich, hat die Waschmaschine installiert und gleich einen Verlängerungsschlauch gekauft, ein neues Regal fürs Bad vorbeigebracht, will beim nächsten Mal Jiaozi (chinesische Teigtaschen) für mich mitmachen. Ich finde das Ganze einfach nur lustig; außerdem ist es gut, einen Ansprechpartner gleich in der Nähe zu haben (sie wohnt direkt neben mir und fragt deswegen auch schon mal, warum ich so spät ins Bett gegangen bin).
Fazit: klar sind die Wände hellhörig und das chinesischen Lüftungssystem funktioniert auch umgekehrt (jedenfalls erklärt nur das, warum es in meiner Küche nach Essen riecht, wenn nebenan gekocht wird, und mein Bad nach Rauch). Aber immerhin habe ich bis jetzt noch keine einzige Kakerlake gesehen und es ist witzig, Teil eines chinesischen Dorfes zu sein, wo jeder jeden kennt.
Wenn man länger in einer Stadt lebt, lernt man ihre verstecken, praktischen Seiten kennen, die sich nicht im Reiseführer finden – in China zum Beispiel, welche Supermärkte Kellog’s führen oder wo man eine gute Tuina (=Massage) ohne Nebeneffekte bekommt. In der Kategorie “BeijingHack” werde ich also mit euch teilen, was ich der Hauptstadt nach und nach abringe.
Thema heute: der Bahnhof. Eins vorneweg: es gibt vier Bahnhöfe in Peking. Das Vertrackte ist, dass einem jeder Bahnhof auch Tickets für Züge verkauft, die von anderen Bahnhöfen abfahren. Ein sehr genauer Blick aufs Ticket und vor allem auf das Wort hinter “Beijing” ist also angeraten. “Beijing Xi” bezeichnet z.B. den Westbahnhof, von dem u.a. die Züge nach Xian fahren. Die Ticketschalter am Bahnhof sind die ganze Nacht geöffnet; ganz rechts am Bahnhofsplatz ist die Halle, wo man Tickets zurückgeben kann (退票. Eine kleine Gebühr wird zwar erhoben, aber man kann auch noch kurz vor Abfahrt zurückgeben (wenn man z.B. feststellt, dass der geplante Zug von einem der anderen Bahnhöfe abfährt *gg*).
Rechts vom Bahnhofsgebäude sind die verschiedenen Gepäckaufbewahrungen. 10 Yuan für einen kleinen Koffer sind angemessen, wie ich finde. Mir ist da noch nie etwas abhanden gekommen, aber Kamera, Handy und Geldbeutel nimmt man besser mit.
Gegenüber vom Bahnhof gibt es eine Post und das Tolle ist, dass die auch 24h am Tag geöffnet hat. Das Verschicken von Paketen ist von dort aus problemlos möglich. Die Bank gleich daneben akzeptiert auch Visa-Karten am Geldautomaten (die Postbank nicht).
Meine besondere Entdeckung ist der Dicos links vom Haupteingang. Dicos ist quasi der chinesische McD und oft in mittelgroßen Städten zu finden, wo die Konkurrenz noch schläft. Das Essen ist echt okay, sehr empfehlenswert sind die Süßkartoffelecken (红薯角). Bei der Filiale am Pekinger Bahnhof empfiehlt sich der erste Stock als Wartehalle – wenig los, bequeme Sofas und sogar Steckdosen sind dem Gedränge in den Wartenhallen im Bahnhof allemal vorzuziehen.
Leider muss ich meinen treuen Lesern eine kurze Sendepause ankündigen (ich weiß, dass das etwas spät kommt, immerhin hat sie quasi schon eingesetzt *g*). Momentan bin ich bei einer Freundin in Nantong und da ich hier eigentlich den ganzen Tag mit Essen oder Verwandschaftsbesuchen beschäftigt bin, habe ich leider keine Zeit fürs Bloggen. Ab Sonntag geht es aber dann in alter Frische und neuer Wohnung mit jeder Menge höchst interessanter Einblicke in die chinesische Besuchskultur weiter – 我保证 (das heißt „Ich versprech’s!“ – so kriegt ihr wenigstens einen kleinen Satz.