Daily China

Alles rund ums Reich der Mitte

Zhongguo de tedian – Kino

September26

Letzten Mittwoch hatte ich mal wieder eine Premiere in Nanjing – zum ersten Mal chinesisches Kino. Meine Gastschwester hatte mich zu dem neuen Film “The Banquet” (Yeyan) mit Zhang Ziyi [Anm. d. Red.:bekannte chinesische Schauspielerin, für alle Unwissenden: die Kleine aus "Tiger & Dragon"] eingeladen – ein richtiger chinesicher Blockbuster also. Angesehen haben wir ihn uns in einem der großen Kino-Komplexe im 8. Stockwerk einer Shopping-Mall am Xinjiekou, dem modernsten Viertel Nanjings. Insgesamt dem Mathäser nicht unähnlich Fröhlich- allerdings auch von den Preisen. Regulär 60 Yuan (~ 6€) sind nicht gerade in der Portokasse eines durchschnittlichen Chinesen – vor allem, wenn man bedenkt, dass die DVD’s, die hier ja etwa zeitgleich mit dem Kinostart (oder sogar früher Fröhlich) erhältlich sind, nur etwa 6 Yuan kosten. Naja, das scheint den Nanjinger den Spaß nicht zu verderben, denn das Kino war rappelvoll und wir hatten Mühe, zwei Plätze in unmittelbarer Nachbarschaft zu bekommen. Zum Glück verfolgen chinesische Kinos die Strategie, nur zwei Filme zu zeigen, von denen es denn aber dann im Abstand von 20 Minuten eine neue Vorführung gibt. Die Wartezeit vertrieben wir uns mit den üblichen (Popcorn) oder auch eher ungewöhnlichen (Obstplatten – gibt’s in China aber sogar in der Disco) Snacks. Die Werbung war fast wie bei uns, nur mit dem Unterschied, dass sich wohl nur große Marken die einen eigenen Werbespot leisten können, Spots für lokales Gewerbe gibt es deswegen überhaupt nicht.

Tja, und dann kam der eigentliche Film. Eins vorweg: ich fand ihn ziemlich gut. Allerdings ist der liebe Zhang Yimou etwas in meiner Achtung gesunken. Denn wenn man “Hero” mit  “The Banquet” vergleicht, wird einem klar, dass Zhang Yimou den chinesischen Film einfach nur europäisiert, das heißt, ein bisschen Kitsch herausgenommen hat, und ansonsten alle Effekte und überhaupt den Stil übernommen hat. Vielleicht haben natürlich auch die anderen Regisseure seine Filme kopiert Beschäftigt – aber diese Grübeleien überlasse ich mal besser den Leuten in Cannes. Mir gefällt jedenfalls, dass in dieser Art von Filmen jedes Wort und jede Geste eine tieferliegende Bedeutung hat. Der Schluss war allerdings sehr merkwürdig und hat auch dazu geführt, dass Jinjin den Film nicht gut fand. Ich möchte natürlich nicht zu viel verraten, falls sich einer von euch den noch anschauen will, aber wer das tatsächlich tut, möge mich dann auch bitte aufklären, was das eigentlich sein sollte Traurig??? Von den Chinesen hat’s jedenfalls auch keiner verstanden Fröhlich .

Aber kommen wir mal zum eigentlich Interessanten an der Sache – dem Verhalten der Chinesen nämlich. Während bei uns eine Filmvorführung ja eine beinahe geheiligte Handlung ist, die auf gar keinen Fall durch Sprechen, Rascheln mit der Konfekttüte oder Knacken von Schokolade gestört werden darf, sehen die Chinesen den Kinosaal als einen Ort, an dem man seinen Spaß haben sollte. Und das dürfen die anderen auch ruhig mitkriegen. Deswegen haben während der Vorstellung nicht nur mindestens 20 Handys in meiner näheren Umgebung geklingelt, sondern auch etliche Leute selbst Anrufe getätigt. Dazu kamen lustige Wanderbewegungen – der Typ neben mir ist nicht weniger als dreimal raus- und reingekommen, bevor er sich entschloss, das mit dem Film jetzt doch bleiben zu lassen, und mich zum siebten und letzten Mal aufscheuchte. Die Chinesen scheinen eben auch keine Probleme damit zu haben, das Geld für die Kinokarte aus dem Fenster zu werfen, denn mein Nachbar war nicht der einzige, der die Vorstellung frühzeitig verlassen hat (manche sind auch erst 15 Minuten vor Ende gegangen).

Wenn man dann mal von dem aus Sicht einer deutschen Cineastin unangemessenen Laufverhalten absieht, kommt hinzu, dass das Publikum an den unmöglichsten Stellen gelacht hat. Damit meine ich nicht unbedingt, dass es nicht nachvollziehbar, warum sie gelacht haben (der Film hatte englische Untertitel, also habe ich tatsächlich was von den Dialogen mitbekommen), und es waren nicht mal die allerbilligsten Witze. Komisch war nur die Platzierung selbiger: mitten in Schlüsselszenen, die wirklich keine komische Unterbrechung gebrauchen konnten. Und der Film schien mir jetzt auch nicht einer à la episches Theater zu sein, wo man den Zuschauer ab und an auf den Boden der Tatsachen zurückholen muss. Aber so viele zufällige ironische Anspielungen?  Vielleicht unterschätze ich den Witz chinesischer Regisseure doch und sie lösen manchmal tatsächlich den Kitsch ihrer Filme (und kitschig war “The Banquet” stellenweise wirklich) durch eine geschickt plazierte Pointe auf … sicher werden wir es nie wissen.

Insgesamt war’s aber mal wieder ein interessanter Ausflug in den chinesischen Alltag – habe nämlich überhaupt keine Ausländer dort gesehen!

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Ka La OK – Karaoke auf Chinesisch

September13

Wer schon einmal in Asien war, weiß, dass die Asiaten mehr verbindet als Konfuzianismus und Hello Kitty. Karaoke ist das Stichwort und wirkte in unserem Fall sogar als Völkerverständigung. Anlässlich Tobis Besuch hatte ich nämlich zum ersten Karaoke-Abend der Sprachschüler der Nanda eingeladen. Schon die Auswahl des KTV’s (so heißen die Karaoke-Etablissements) stellte sich als Abenteuer heraus. Denn KTV’s gibt es zwar an jeder Ecke, allerdings sind Ausstattung und Preis höchst unterschiedlich. Die Palette reicht vom schäbigen Hinterzimmer mit Merry Christmas-Beleuchtung bis zu noblen Räumen im 9. Stock mit eigener Bar. Ohne chinesischen Beistand in Form von Marcus Makler hätten wir das Preissystem wohl nicht durchschaut. Letztendlich fanden wir dann aber doch etwas Passendes und hatten nach kurzer Aufwärmphase erstaunlich viel Spaß. Landestypische Unterschiede ließen sich natürlich nicht vermeiden (so wurden die Koreaner ihrem Ruf mehr als gerecht und legten sofort mit „Baby one more time“ los, wohingegen die Deutschen erst zum Ende hin ihre Gesangskünste (dann aber richtig! Ich sage nur: „Jailhouse Rock“ auspackten), aber insgesamt war es ein sehr netter Abend, bei dem sich wohl alle gut amüsiert haben, und der dementsprechend auch wiederholt werden muss.

Für alle, die sich nicht vorstellen können, warum es Spaß machen soll, leicht angeheitert in einem dunklen Zimmer zu sitzen und mittelmäßigem Gesang zu lauschen – probiert es aus! Das Tröstliche ist, dass man sich beim Singen nicht selber hört ;-) .

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Zhongguo de tedian – Der Verkehr

September9

Bekanntermaßen haben auch die Chinesen zwei Beine, zwei Arme und einen Kopf und führen ein Leben, das dem eines Europäers oder Amerikaners nicht ganz unähnlich ist. Auf den ersten Blick.

Allerdings sind es nun mal oft Kleinigkeiten, die den Unterschied machen. Deswegen möchte ich euch in der Rubrik Zhongguo de tedian (Besonderheiten Chinas) erzählen, was genau einem als Waiguoren (Ausländer) in China so komisch vorkommt.

Unser Thema heute: der Verkehr.

Erstmal zu den Gemeinsamkeiten: es gibt, zumindest in den Großstädten (und auf die müssen wir unseren Vergleich vorerst beschränken) ordentlich befestigte, mehrspurige Straßen, auf denen sich Busse, Autos, Fahrräder und teilweise auch Fußgänger fortbewegen. Desweiteren wird der Verkehr wie bei uns von Ampeln, Schildern und ab und zu Verkehrspolizisten geregelt. Jedenfalls in der Theorie.

In der Praxis herrscht eine strenge Hierarchie innerhalb der Verkehrsteilnehmer. An der Spitze der Nahrungskette stehen natürlich die Busse bzw. deren Fahrer, die hoch erhobenen Hauptes über dem gemeinem Fuß- und Radvolk thronen. An zweiter Stelle kommen die Taxis, die sich zur rechten Zeit das Privileg gönnen, Busspuren zu benutzen, und auch mal unbehelligt einen U-Turn über eine sechsspurige Straße machen dürfen, um sich einen Fahrgast zu schnappen. Nach den Taxis geht es von Mofas steil bergab zu den Fahrradfahrern, die dann nur noch eine Gruppe unter sich haben: die der Fußgänger. Und die sind im Verkehr des modernen Chinas das, was in einer feudalistischen Gesellschaft Sklaven waren. Fußgänger haben nämlich in China mangels eines durchsetzungsfähigen Lautträgers wie Hupe oder Klingel überhaupt keine Rechte. Gut, es gibt manchmal Fußgängerampeln und oft genug auch Zebrastreifen. Aber es kommt nie vor, dass ein Auto an einem Zebrastreifen anhält oder auch nur langsamer fährt. Nein, Zebrastreifen dienen nur dazu, Fußgängern zu signalisieren, wo rein technisch die Möglichkeit bestünde, die Straße zu überqueren – denn in Nanjing sind an fast allen Straßen am Rand Fahrradwege mit Zäunen abgesperrt, durch die man normalerweise nicht durchkommt – außer an Zebrastreifen eben. Aber da nur, wenn man entweder glaubt, dass man sehr schnell Zick-Zack laufen kann, oder ohnehin nicht an seinem Leben hängt.

Ich habe mir allerdings in den letzten Tagen (gezwungenermaßen) die Taktik der Chinesen angeeignet. Als Europäer ist man anfangs zu sehr von diesem Leaping Frog-Spiel (ihr wisst schon, das, wo der Frosch am Ende immer zerquetscht wird) beeinflusst. Zur Erinnerung: in diesem Spiel kann man sich immer nur in wohl definierten Spuren nach vorne bewegen. Und genauso darf man es auf chinesischen Straßen eben nicht machen. Stattdessen bewegt man sich schrittweise vor und versucht, auf einen zukommende Autos in die Nebenspur abzudrängen. Der geneigte chinesische Autofahrer wird dieser diskreten Bitte nachkommen und auf diese Weise tastet man sich langsam vor. Es kann natürlich auch vorkommen, dass während dieses Prozesses die Ampel in der Querstraße grün wird und man sich plötzlich in einem reißenden Strom von Mofas, Autos, Bussen und Fahrrädern wiederfindet. In diesem Fall: ruhig stehen bleiben, einmal kurz ein Mantra an Buddha ausstoßen – und die Zeitanzeigen neben der Ampel beobachten, denn die zeigen einem in Nanjing an wirklich jeder Straßenecke an, wer wie lange noch grün bzw. rot hat.

Auch für den Fall, dass alles gut geht, braucht man sich nicht zu wundern, wenn man angehupt wird. Hierbei handelt es sich keineswegs um eine bösartige Verwünschung. Denn im Gegensatz zu Deutschland, wo die Hupe als Mittel zur Warnung und zum Ausdruck der Verärgerung verwendet wird, dient sie in China lediglich als Hinweis, dass man sich jetzt nähert. Das erklärt auch, warum Chinesen sie ständig benutzen, und das wiederum, warum es die Schilder gibt, die ihr auf dem einen Foto seht.

Apropos Schilder: denen ist in Nanjing auch nicht zu vertrauen. Denn so ein Schild wie das auf Bild 4 heißt nicht etwa, das die nächste Straße rechst die Ninghailu ist und die danach die Hankoulu. Nein, das heißt nur, dass man irgendwann auf die Ninghailu treffen wird, wenn man demnächst links fährt. Das heißt, dass diese Straße durchaus auch parallel zur eigenen Straße verlaufen kann. Noch Fragen?

Zu guter Letzt noch ein Wort zu Spuren in China. Wie bereits erwähnt, sind die meisten Straßen Nanjings mehrspurig und haben auch einen eigenen Fahrradweg. Allerdings lautet ein Grundsatz der Chinesen: „Die Spuren sind für den Menschen da und nicht umgekehrt.“, was im Verkehr heißt, dass nach Belieben neue Spuren, gerne auch auf der Gegenfahrbahn, eröffnet werden können, und bereits vorhandene (Fahrradwege z.B.) auch von anderen Fahrzeugen (z.B. Autos) genutzt werden können. Allerdings muss man seine Absichten dem anderen mitteilen – wer in diesem Fall jedoch zum Blinker greift, hat sich schwer in der Konsequenz der Chinesen getäuscht – auch hier hilft natürlich nur die Hupe!

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Chinesen sind …

September2

[Warnhinweis: ich weiß ja nicht erst seit Heri Lang, dass man nicht so pauschalisieren darf. Also sollten politisch korrekte Menschen diesen Eintrag lieber überspringen. Für alle anderen kommt eine sehr subjektive Liste mit Eigenschaften, die mir nach einigen Tagen aufgefallen sind]

-         wahnsinnig freundlich -  wenn man etwas von ihnen kaufen soll

-         aber auch als Freunde sehr hilfsbereit – Andrews Geduld beim Handy-Kauf (s. unten) war wirklich unglaublich und auch meine Gastfamilie liefert mir jeden Tag wieder tolle Beispiele

-         laut – oder liegt das nur an ihrer unüberschaubaren Zahl?

-         erfreut, wenn man sich mit ihnen auf Chinesisch unterhalten kann

-         erstaunt, wenn man sie einfach so anlächelt

-         nicht besonders hübsch – aber ich warte ungeduldig auf Gegenbeispiele

-         im deutschen Sinn keine guten Verkehrsteilnehmer

-         Handy-vernarrt: Handys kosten hier genauso viel wie in Deutschland, aber das ist im Vergleich zum übrigen Preisniveau natürlich gnadenlos überteuert. Trotzdem haben sehr viele Leute ein Handy und zwar meistens das neueste Modell.

-         last but not least: kitschig. Aber das ist eigentlich richtig toll!

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Zhongshan Bei Lu 180 Hao

September2

Das ist meine neue Adresse (aber keine Sorge, ich schicke sie euch noch mal zu). Das Haus liegt zwar direkt an einer großen Straße, ist aber trotzdem nicht so leicht zu finden – ein Hausnummernschild könnte dem Abhilfe schaffen …

Das Haus ist typisch chinesisch – eine Bruchbude eben. Nackte Betonwände, kein Treppenlicht – aber so leben die Leute hier. Und dabei gehört meine Familie keineswegs zu den Ärmsten, immerhin haben sie sich gerade eine zweite Wohnung gekauft.

Im Vergleich zum Äußeren kann man sich mein kleines Apartment richtig sehen lassen (siehe Bilder). Okay, das Bad ist nicht gerade komfortabel (keine Duschkabine und mir ist immer noch schleierhaft, wohin das Wasser abläuft), die Wände könnten einen neuen Putz gebrauchen und den Straßenstaub wird man wohl nie aus den Schränken wischen können – aber das ist halt China. Die Wohnung von meinen Gasteltern sieht auch nicht wohnlicher aus. Und ich denke, dass es auch schwer wäre, eine eigene Wohnung zu finden, die dem westlichen Geschmack entspricht. Insofern bin ich einfach froh, dass ich mein eigenes kleines Reich habe, in dem ich es mir nach einer aufwändigen Putz-, Auf- (warum haben meine Vorgänger so viele Sachen dagelassen??) und Einräumaktion auch schon recht gemütlich gemacht habe.

Und die Familie ist wirklich sehr nett. Sie verstehen mich, ich verstehe sie und sie helfen mir, wo sie nur können. Echt super!

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