Daily China

Alles rund ums Reich der Mitte

Tagebuch einer Zugfahrt II

April5

12.22h
Nachdem ich noch kurz im Labor war und mich unterwegs mit Tupperboxen (sehr chinesisch mit Blütenmuster) und Proviant eingedeckt habe, komme ich nach Hause. Nur noch schnell eine Maschine Wäsche reinwerfen, damit die in meiner Abwesenheit trocknen kann …

13.46h
Murphy’s Gesetz hat sich mal wieder bewahrheitet: nachdem sich meine Waschmaschine schon die ganzen letzten Tage Geräusche gemacht hat, als ob sie Richtung Mond abheben will, hat sie heute endgültig den Geist aufgegeben. Tja, damit muss ich mich wohl beschäftigen, wenn ich wieder da bin … schnell meinen Hello Kitty-Plüschanzug (so etwas braucht man an kalten Pekinger Abenden!!) notdürftig ausgewrungen und ab geht’s zur Bushaltestelle.

15.20h
Mein neuer Weg zum Bahnhof (Bus+U-Bahn) ist zwar nicht schneller (immer noch eine Stunde), aber mit Gepäck deutlich bequemer als der alte (Bus+U-Bahn+U-Bahn+U-Bahn+U-Bahn). Kurz überlege ich mich, ob ich meinem Chinesentum heute endgültig die Krone aufsetzen und so wie 200 andere Chinesen auch VOR dem Bahnhof (auf einer Zeitung sitzend oder einem Reissack schlafend) auf meinen Zug warten soll, entscheide mich dann aber doch dagegen. Ich habe weder Zeitung noch Reissack dabei.Daily Life - Zug-10

15.35h
Nächstes Mal nehme ich definitiv einen Reissack mit. Egal, zu welcher Tages- oder Nachtzeit man mit welchem Zug fährt, die Wartehalle ist völlig überfüllt (siehe Video). Draußen hat man eindeutig mehr Platz.

15.40h
Die Schafe dürfen auf die Weide! Jedenfalls stürmen die sicher genauso rücksichtslos nach vorne wie meine Mitreisenden. Hat man ihnen eigentlich mal gesagt, dass es von jeder Platznummer nur eine Karte gibt?

16.00h
Wie üblich kommt jemand und behauptet, dass ich auf seinem Bett liegen würde. Wie üblich lässt sich das durch einen simplen Kartenvergleich aufklären und wie üblich liege ich richtig. Aber gut, dass wir darüber gesprochen haben.

17.30h
Nachdem der Essensverteiler zum fünften Mal mein Nachmittagsschläfchen mit einer lautstarken Verkündigung seines Angebots unterbrochen hat, kriege auch ich Hunger (wohlgemerkt wegen der Uhrzeit, nicht etwa wegen seines Angebots!). Bei mir stehen auf der Speisekarte: zwei Fladenbrötchen, die ich heute aus der Mensa geholt habe (warm sind die echt gut), Kirschtomaten, Erdbeeren, Oreos und zur Not noch Tuc-Kräcker und Gummibärchen. Ich weiß, nicht gerade nahrhaft, aber in Peking kenne ich noch kein Skyways, wo man sich einfach ein paar Sandwiches mitnehmen könnte … Während des Essens bewundere ich die Landschaft: eine absolut häßliche Industriestadt und ihre Ausläufer. So hässlich, dass sie schon fast wieder fotogen wäre. Bin mir aber ziemlich sicher, dass auf Fotos nur die Hässlichkeit rüberkommen würde, und lasse es deswegen gleich.

18.05h
Mit einer simplen Frage nach dem Namen der aktuellen Station liefere ich ihnen die Vorlage, auf die sie nur gewartet haben. „Du sprichst aber gut Chinesisch!“ – und schon sitzen drei Männer und eine Frau um mich herum. Die Leute von den Betten über uns beteiligen sich natürlich auch munter. Ring frei für die mit Abstand interessanteste Diskussion, die ich während einer Zugfahrt geführt habe!

18.15h
Es fängt mit Belanglosigkeiten an – wer woher kommt, was man macht, wie schlimm man von der Wirtschaftskrise getroffen ist, wohin man fährt. Das führt zu einer Diskussion über die Vorteile verschiedener Regionen Chinas. Wir kommen zurück zu mir und den Unterschieden zwischen dem Westen und China, woraus sich eine detaillierte Untersuchung des chinesischen Hochschulsystems ergibt. Aus irgendeinem Grund landen wir dann beim Panjiayuan und stellen anschließend fest, dass Männer überall auf der Welt gleich sind (auch chinesische Männer hassen Bummeln und lange Telefonate).

21.23h
Ich klinke mich kurzzeitig aus der Diskussion über das Wasseraufbereitungsgerät, das die Firma eines Mitreisenden vertreibt, aus, um mir noch bettfertig machen zu könne, bevor das Licht ausgeht. Wow, die Zeit verging echt schnell, und ich hatte noch nicht mal Zeit, mit dem Sticken meines nächsten Schlüsselanhängers anzufangen!

22.14h
Der Typ mit dem Wasseraufbereitungsgerät ist besonders hartnäckig und erklärt mir den Mechanismus nochmal im Detail (das Gerät bricht die Wasserstoffbrücken und macht das Wasser somit kleiner, damit es von den Zellen besser aufgenommen werden kann – wozu gibt es eigentlich Porine??). Mein Bettnachbar gegenüber, Typ Realist, lässt sich nicht überzeugen. Richtig interessant wird es, als mich Mr. Sauberes-Wasser (der wirklich nett ist) sehr ernsthaft fragt, ob ich eine Botschaft hätte, die ich den Chinesen mitteilen möchte. Okay, nichts Falsches sagen – auch wenn ich mir wie ein Vertreter von einem anderen Planeten vorkomme, sehe ich von allen lustigen Bemerkungen à la „Nach Hause telefonieren“ ab. Leider komme ich nicht wirklich dazu, meine Meinung ausführlich darzulegen, da wir vom oberen Bett mit Hinweis auf Schlafenszeit unterbrochen werden. Echt schade. Obwohl – wenn ich es mir recht überlege, muss ich meine Meinung erst noch in astreinem Chinesisch ausformulieren. Am Ende hört noch wirklich jemand darauf!!

Teil I

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Tagebuch einer Zugfahrt I

April1

Wer China kennenlernen will, wird wohl um Zugfahrten nicht herumkommen. Zum einen verfügt China über ein gut ausgebautes Schienennetz, so dass man (außerhalb von Feiertagen) problemlos fast überall hinkommt, zum anderen ist es einfach ein besonderes Erlebnis, 36 Stunden in einem chinesischen Zug durch die Gegend zu fahren, und somit eine Reiseerfahrung, die man nicht missen sollte. Mit dieser Serie möchte ich euch zeigen, was ich meine …

Geplant ist eine Reise von Peking nach Nanjing. Über die offizielle Seite der chinesischen Bahn kann man sich bei vorhandenen Chinesisch-Kenntnisse über die Zugnummer, Fahrzeit und Ticketpreise informieren. Ein bisschen was zur Theorie findet ihr in meinen Einträgen hier und hier.

Die günstigste Verbindung wäre für mich ein Z-Zug, sehr komfortabel, der  abends um 22.00h losfährt und um 7.00h ankommt. Preis für Hardsleeper: 237 Yuan.

Samstag, 28.03.

An die Deutsche Bahn und ihre Sparpreispolitik gewöhnt, finde ich es schon fast ein bisschen spät, erst sechs Tage vor Abfahrt ein Ticket zu kaufen. Umso überraschter bin ich, als ich am Schalter erfahre, dass man die Tickets seit neuestem erst vier Tage vorher ab 19.00h kaufen kann. Vor zwei Jahren waren es immerhin noch 15 Tage …

Montag, 30.3.

17.30h
Meine Laborkollegen erklären mir, dass am Wochenende Qing Ming Jie ist und alle Leute entweder am Freitag oder am Montag frei haben. Erst freue ich mich darüber, kann ich doch so einen Tag länger in Nanjing bleiben. Allerdings nutzen natürlich auch viele Chinesen das verlängerte Wochenende für Familienbesuche, so dass es mit den Tickets eng werden könnte.

18.30h
Also mache ich mich, wie ich finde, extra-früh auf den Weg. Für die Chinesen nicht früh genug – an dem Ticketschalter in der Nähe des Instituts, der mir die einstündige Fahrt zum Bahnhof erspart, stehen mindestens schon 20 Leute in einer langen Schlange, die sich schon über den Gehsteig hinweg windet. Und während ich warte, kommen immer weitere hinzu, so dass sie am Schluss schon auf der Straße stehen.

19.30h
Endlich bin ich dran, aber nach Nanjing gibt es nur noch Hardseater oder Softsleeper und auch nicht für den Zug, den ich wollte. Ich beschließe also, morgen nochmal zu kommen (früher!!) , um ein Ticket für Samstag zu ergattern.

Dienstag, 31.3.

18.05h
Hah, ich bin die dritte in der Schlange! Dann MUSS es doch einfach klappen …

19.05h
Denkste. Obwohl der Verkäufer wirklich schnell war (er hat schon vor Verkaufsbeginn die zwei ersten in der Schlange gefragt, wo sie hinwollen, damit er vorbereitet ist), sind die Hardsleeper-Tickets für den Abendzug schon weg. Bleibt nur noch ein Zug um 16.00h, der ewige 15 Stunden statt 10 braucht … aber gut. Hauptsache, ich irgendwie komme hin.

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Chinesen glauben …

März25

Was, sind die nicht alle Atheisten? Erstens – nein. Wie ich hier erklärt habe, gehen Chinesen in Glaubensfragen lieber auf Nummer Sicher. Und zweitens – um diese Art von Glauben soll es hier nicht gehen, sondern um die Dinge, die man im Alltag eben macht, weil man glaubt, dass sie auf einer wissenschaftlichen Grundlage beruhen (so wie es z.B. bei uns heißt, dass es schädlich ist, zu viele Hühnereier pro Woche zu essen). We proudly present …

Chinesen glauben …

… dass es für Kinder schädlich ist, auf weichen Matratzen zu schlafen (ihre noch weiche Wirbelsäule würde sich davon verformen). Das heißt, dass für chinesische Kinder zwischen ihrem Bett und einer auf den Boden gelegten Matte in der Weichheit kein Unterschied besteht. Und irgendwan fangen sie an, das sogar bequem zu finden.

… dass die Lagerung von Lebensmitteln im Kühlschrank deren Geschmack verdirbt. Deswegen gehen sie jeden Tag frisch einkaufen.

… die UV-Strahlung im Sonnenlicht Bakterien abtötet. Das erklärt, warum sie ihre Kleidung immer auf der Straße (oder dem Balkon, falls vorhanden) aufhängen.

… es schädlich ist, während des Essens zu trinken, weil dadurch die Magenflüssigkeit verdünnt wird und das Essen nicht mehr richtig verdaut werden kann.

… dass heißes Duschen der Manneskraft schadet. Das habe ich zur Abwechslung nicht in einem Gespräch aufgeschnappt, sondern von einem hochoffiziellen Plakat zur Familienplanung, das neben der Mensa hängt. Bei Gelegenheit muss ich es mal vollständig übersetzen ;) .

 

Chinesen glauben also allerhand Merkwürdiges. Aber tröstet euch: sie denken dasselbe über uns!

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Nantong, die Zweite

März24

Am Freitag waren wir in Zhouzhuang, dem “Venedig Chinas”. Zugegebenermaßen, es verfügt über ausreichend Kanäle, aber die Chinesen haben noch nicht ganz begriffen, dass zu Venedig noch ein bisschen mehr als Wasser gehört … und es gibt wohl in Jiangsu und Zhejiang noch viele andere derartige Wasserstädte. Zhouzhuang hat es nur deswegen zu besonderem Ruhm gebracht, weil jemand mal ein Bild davon der UNO geschenkt hat. Naja, aber auf seine Art ist es wirklich ganz pittoresk:

Abends und am Samstag kamen dann die ganzen Familienbesuche – und die waren extra für mich ausgerichtet. Es ist nicht so, dass Chinesen nie Ausländer sehen, aber einen sozusagen in der Verwandschaft zu haben, ist doch nochmal etwas Anderes … Dutzende von Onkel (gibt es da eigentlich eine Mehrzahl?) und Tanten (wenigstens habe ich jetzt mal die ganzen verschiedene Begriffe, die im Chinesischen allein für das Wort “Onkel” existieren, mit Gesichtern verknüpft, und kann sie mir so vielleicht endlich mal merken … ist aber nur eine sehr kleine Hoffnung, es gibt einfach zu viele), Großeltern allerseits und sogar die Eltern ihres Freundes. Die besten Momente: als ein Onkel erwähnte, dass es in China keine M-Rechte gäbe (kleine Zensur meinerseits, ich möchte nämlich gerne weiterbloggen), und alle anfingen zu lachen; ein Großvater, der mich einfach immerzu zahnlos angestrahlt (und das wortwörtlich) hat; und als ich sagen wollte, dass die meisten Leute in Deutschland in Häusern (im Gegensatz zu Wohnung) wohnen, aber sagte, dass sie gerne in Abstellkammern leben *gg*.

Wie ich bei diesen Besuchen also feststellte, waren alle Wohnungen so sauber und ordentlich (auch wenn das von außen überhaupt nNantong - Familie-14icht so aussieht) und überall wurde einem sofort Tee und Obst gereicht. Weitere Verhaltensregel: Chinesen loben sich einfach gerne gegenseitig – mir war das vorher noch gar nicht bewusst gewesen, aber meine Freundin erzählte ständig allen, wie toll und hübsch ich sei … ich rede nicht so über meine Freunde, wenn ich sie mit zu mir nach Hause nehme, glaube ich. Als mir klar wurde, dass sie das vielleicht unhöflich findet, habe ich auch angefangen, die Leute um mich herum zu loben, vor allem natürlich für ihr Englisch (ich habe den VerdaNantong - Familie-16cht, dass ich nicht zuletzt dafür eingeladen wurde, damit die Kinder mal ihr Englisch am Objekt vor versammelter Mannschaft testen können – was den Kindern immer sehr peinlich war). Andererseits hatten wir später auch ein ausführliches Gespräch darüber, dass sie es nicht gut findet, dass deutsche Studenten oder Lehrer den chinesischen Studenten nicht sagen, wenn ihr Englisch schlecht ist. Was nun – Gesicht oder nicht?

Weiterer Erkenntnisgewinn dieses Kurztrips: Mahjong! Zuerst fand ich es einfach nur langweilig … prinzipiell ist es ja wie Rommé, nur dass man keine einzelne Karten ausspielt, sondern so lange Steine tauscht, bis man alle in irgendwelchen Verbindungen hat, und dann schreit: “Gewonnen!” Aber dann haben wir es bei ihrer Großmutter gespielt, die in einem urigen kleinen Häuschen wohnt, bei strömenden Regen, wobei einem ständig Tee und Sonnenblumenkerne nachgereicht wurden … die Stimmung war einfach sooo chinesisch! Außerdem muss man es wirklich schnell spielen – jeder muss die Steine kennen und sie nur so rauswerfen, dann wird’s lustig. Also, wer schließt sich meinem Joy Luck Club an??

Fazit: ein absolut cooles Erlebnis … ich kann euch nur raten, euch chinesische Freunde zu suchen!!!

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Ein Besuch bei Freunden

März24

Die letzte halbe Woche war hier im Blog leider nicht viel los, aber meine Abwesenheit hatte einen guten Grund: ich habe nämlich eine gute Freundin von mir, ihres Zeichens Chinesin, in Nantong, Jiangsu, besucht. Obwohl ich ja bereits ein Jahr bei einer chinesischen Familie gelebt habe, waren die drei Tage dort waren eine echte Bereicherung, was meine Wissen über chinesische Gastfreundschaft und sonstige Alltagskultur angeht. Hört selbst …

Am Mittwoch ging es mit dem Nachtzug von Peking aus los. Sparsam wie ich bin, hatte ich ein Hardsleeper-Ticket gekauft, d.h. sechs Leute in einem zum Gang hin offenen Abteil. Da es sich aber um einen Z- und damit Luxuszug handelte, darf man den Teil mit dem “Hard” nicht wörtlich nehmen und auch die Waschgelegenheit war recht sauber. Das Problem war mehr der freundliche Mann, der mir gegenüber schlief – ich wusste nicht, dass Schnarchen auch die 100 Dezibel-Grenze übersteigen kann! In den frühen Morgenstunden hielt der Zug außerdem ständig, so dass die Nacht insgesamt nicht sehr erholsam war. Sei’s drum, am Donnerstag gegen sieben Uhr (zwölf Stunden Fahrt), am Bahnhof wurde ich von meiner Freundin und ihrem  Freund abgeholt und wir fuhren erstmal zu ihr nach Hause. Die erste Überraschung: die Wohnung war sehr schön hergerichtet und sehr sehr ordentlich. Fast schon ein bisschen zu ordentlich … mal ehrlich, die Ausstellungsküchen von Ikea sehen ja bewohnter aus! Kann natürlich auch daran liegen, dass Chinesen generell oft auswärts essen – aber auf der ganzen Ablage stand kein einziges Gerät oder irgendwelches Essen. Das Wohnzimmer war ähnlich – viele der allseits beliebten Möbel aus rot-schwarzem Holz (die laut meiner Freundin innerhalb weniger Jahren enorm an Wert gewinnen); alle Geräte wie DVD-Player waren mit roten Tüchlein abgedeckt. Immerhin hatten sie die Schilder und Plastikfolien von den Möbeln entfernt *g*(das war bei meiner Gastfamilie in Shanghai nicht der Fall gewesen und man muss sagen, dass solche Folie an heißen Sommertagen nicht gerade eine angenehme Sitzgelegenheit ist). Nicht fehlen durfte natürlich ein riesiger Plasmafernseher, der an war, sobald jemand zu Hause war. Jede Familie hat mind. zwei, eher drei derartige Fernseher – Fernsehwerbung muss in China wirklich teuer sein, bei dem Impact. Offensichtlich ist es bei Chinesen so, dass alte Wohnungen auch wirklich heruntergewirtschaftet werden (da läuft man dann den ganzen Tag mit den Straßenschuhen herum) und neue extrem gepflegt (jede Familie verfügt über ein Dutzend Hausschuhe für Gäste, so dass es selbstverständlich ist, dass jeder entweder seine Schuhe auszieht oder vor der Tür wartet).
Danach ging’s dann zu einem beliebten Tempel in der Gegend, der an sich nichts Besonderes war. Es war jedoch mein erster Besuch mit Chinesen, die sich dort auch um die Gunst Buddhas bemühen wollten – gleich am Eingang Nantong - Langshan-5kaufte meine Freundin also zwei Päckchen Räucherstäbchen, was im Vergleich zu den Einkaufskörben der nachfolgenden Gruppe wenig war. Aber sie kaufte auch noch irgendwelche – tatsächlich muss man sich beim Kauf genau überlegen,  was man von Buddha haben will. Es gibt eine Sorte, die dem Kind Glück in der Schule bringt, eine, die Glück auf Reisen bringt, Glück für die ganze Familie, Glück im Beruf … Wenn man aber erstmal diese schwierige Wahl getroffen hat, istNantong - Langshan-6 der Rest ziemlich einfach. Ich dachte ja immer, man nimmt zwei, drei Stäbchen, verbeugt sich vor dem ersten Buddha, geht dann zum nächsten usw. Tatsächlich gibt es auch die Schnellmethode. Einmal verbeugen und dann ab mit dem ganzen Päckchen in einen Ofen!

Selbst wenn sie keine überzeugten Buddhisten sind, achten die allermeisten Chinesen diese Rituale, nur um “sicherzugehen”, wie sich meine Freundin ausdrückte. Was denn auch dazu führte, dass sie in diesem Jahr keine Ochsenfrösche mehr essen darf (hat ihr ein buddhistischer Lehrer in einem Tempel in Zhouzhuang gesagt). Wenn’s hilft …

Am Donnerstagabend kam dann das große Festmahl. Man muss dazu sagen, dass das nicht extra wegen mir geplant war – die drei Familien hätten sich ohnehin getroffen und so war ich mehr Zaungast bei einem typische chinesischen Abendessen. Wir waren elf Leute und insgesamt wurden 27(!!) Gerichte aufgetragen – kalte Gerichte, Suppen, die üblichen chinesischen Sachen mit Fleisch und Gemüse, Fisch, Rindersteak à la Westen (allerdings mit sehr viel mehr Knochen, als bei uns sonst üblich), Obst … besonders hinweisen möchte ich an dieser Stelle auf die Schlange. Serviert wurden Fleisch und Haut, wobei ich nur ersteres probiert habe – das war dafür extrem lecker! So wie es aussah, hat man die Schlange im Querschnitt halbiert und dann sehr knusprig gebraten – man musste das zarte, absolute magere Fleisch dann wohl von den Rippen abfieseln. Sehr empfehlenswert, genau wie der Ochsenfrosch.  Lustig am Essen war natürlich auch das Drumherum: ständig prostete man sich gegenseitig zu (wobei man aufsteht und mit dem Glas auf die Tischplatte klopft), lud andere dazu ein, mitzuprosten, schenkte sich gegenseitig ein (was natürlich immer erst dreimal abgelehnt wird) … die Lautstärke kann man sich ja vorstellen. Erlaubt und erwünscht ist übrigens auch, den Inhalt des eigenen Glases mit dem Nachbarn zu teilen. Gegen Ende hin nahm das Ganze bizarre Formen an, als einer der Gäste sein Glas auf dem Tisch ausleerte ;-) . Die Sache mit dem Bezahlen war wohl schon vorher ausgemacht gewesen, so dass ich erst bei der anschließenden Bootsfahrt eine Kostprobe des typisch chinesischen Bezahlkampfes abbekam. Die Gegner hier: die Mutter meine Freundin und der 22-jährige Sohn einer anderen Familie. Ich bin nur froh, dass keiner ins Wasser gefallen ist … wie sagte doch jemand so schön: “Die Chinesen haben Kung-Fu nur erfunden, damit sie sich beim Bezahlen durchsetzen können.” Ein Wort zur Bootsfahrt selbst: Nantong ist laut den Erzählungen des Bootsführers der Nabel der Welt – eine Stadt von Kultur, Bildung, Architektur und Sport. Eigentlich komisch, dass es trotzdem soo unbekannt ist. Naja, Heimatliebe wird in China eben ganz groß geschrieben.

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