Daily China

Alles rund ums Reich der Mitte

Rot statt weiß und betrunkene Bräute – Hochzeit auf Chinesisch I

August4
Wer sich länger in China aufhält, wird über kurz oder lang (eher ersteres, wenn man sich wirklich um Kontakte zu Chinesen bemüht) auf seine erste chinesische Hochzeit eingeladen werden. Natürlich fühlt man sich da erstmal geschmeichelt, wo doch hierzulande meist nur Verwandte und gute Freunde den Schritt in die “Umzingelte Festung” begleiten. Wer sich dann allerdings näher mit chinesischen Bräuchen beschäftigt, wird feststellen, dass Chinesen “Wang und Li” zu ihrem großen Tag einladen – eigene Kollegen, Kollegen der Eltern, Freunde, Freunde von Freunden … denn eine Hochzeitsfeier ist immer auch eine Art Ernte. Jahrelang hat man hong bao (roten Umschlägen, in denen Geld zur Hochzeit und auch zum Neujahrsfest verschenkt werden) auf den Feiern der Kinder von Freunden und Bekannten gesät und endlich kommt der Tag, an dem man nun selbst einmal die Hand aufhalten darf. Insofern ist die wilde Ehe für Chinesen nicht nur moralisch schwer zu akzeptieren, sondern auch ein handfester wirtschaftlicher Verlust … Umgekehrt heißt das aber auch, dass eine Einladung zum Hochzeitsbankett nicht dasselbe bedeutet wie bei uns – Hochzeiten in China haben immer zwischen 200 und 400 Gäste.
Was man allerdings nicht immer miterlebt, sind all die traditionellen Festlichkeiten, die am Morgen der Hochzeit bei den Familien von Braut und Bräutigam zu Hause stattfinden. Wie gut, dass ich bei der Hochzeit meiner besten chinesischen Freundin Ende März auch das hautnah miterleben durfte … es folgt mein Augenzeugenbericht.
Es ist halb zehn morgens und hinter mir liegt bereits der größte Teil des Vormittagsprogramms. Um sieben fanden sich die engsten Verwandten in der Wohnung der Brauteltern ein. Die Ankunft des Bräutigams wurde mit einer ohrenbetäubenden Batterie von Böllern begrüßt. Als er anschließend versuchte, ins Brautzimmer zu kommen, wurde er von allen jüngeren Verwandten (inklusive mir) tatkräftig aufgehalten – er musste sich den Weg erst mit Dutzenden von hong bao freikaufen. Schließlich vereint, servierte das Brautpaar den Eltern der Braut Tee und erhielt im Gegenzug nun seinerseits hong bao. Dann gab es ein Mini-Frühstück für acht (Glückszahl) Leute, unter anderen den Heiratsvermittlern (hier allerdings nur symbolisch jemand von der Stadtverwaltung) und den Trauzeugen. Ein paar Standardfotos – und unter lautem Geknalle machten sich sechs Wagen auf den Weg zur Wohnung der Eltern des Bräutigams, wo sich die Zeremonie wiederholte. Die “Kinder”zimmer der beiden waren übrigens mit komplett neuen Möbeln, roter Bettwäsche sowie romantischen Kreuzstichbildern ausgestattet worden – die ursprünglichen Besitztümer waren kurzerhand ausquartiert worden.

Nun sitzen wir also hier, essen Obst und Nüsse, während die Braut ein ausgedehntes Shooting mit zwei Fotografen und einem Kameramann genießt, und warten im Übrigen auf den Aufbruch zum Mittagessen. Das findet in kleinem Rahmen statt – nur 100 Verwandte. Heute abend kommen dann sage und schreibe 800 Gäste …

3 Comments to

“Rot statt weiß und betrunkene Bräute – Hochzeit auf Chinesisch I”

  1. Avatar Oktober 13th, 2011 at 14:30 Lana Says:

    Oh, das ist in der Tat es anders als in Deutschland. Besonders laut, würde ich sagen. Aber es ist auch zum Beispiel ein Unterschied, ob man in Deutschland auf dem Land oder in der Stadt heiratet. Ich hatte beides schon mal erlebt. Ich muss sagen, die Landhochzeit hat mir besser gefallen. Es waren mehr Leute da, aber keine 800 natürlich und es war witziger und die Gäste waren betrunkener. Außerdem hat das ganze 2 Tage gedauert.


  2. Avatar Oktober 31st, 2011 at 12:32 Pia Says:

    Ich mag eigentlich solche Hochzeiten mit vielen Traditionen und Gästen, aber nur als Gast! Ich selber hätte wahrscheinlich gar keine Lust drauf, eine so Aufwendige Hochzeit zu feiern. Das wäre mir viel zu anstrengend. Ich würde am liebsten ganz alleine heirtaten. Nur ich und mein Mann und später dann einfach eine Party geben. Das wäre sicherlich in China unmöglich.


  3. Avatar November 4th, 2013 at 10:04 Tino Says:

    Recht interessant, wie das Ganze so in China abläuft. Hätte meine Cousine von allen rote Umschläge mit Geld bekommen, hätte sie sich bestimmt ein neues Auto davon kaufen können. Die Hochzeit war riesig…wobei ich glaube, dass alle nur kostenlos trinken wollten :)


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Olympia 2008, die Expo 2010 … bei mir hat aber alles schon viel früher angefangen. Ich habe in der Schule Chinesisch gelernt, weil ich mal etwas Anderes machen wollte und weil ich Asien schon immer interessant fand. Sehr schnell wurde ich sehr sinophil und nach meinem ersten Sprachkurs in Shanghai im Sommer 2004 war mir klar, dass ich zurück will in dieses faszinierende Land – dann aber für länger. 2006 ging mein Traum dann in Erfüllung – für zwei Semester habe ich an der Universität Nanjing Chinesisch studiert, Erhu gelernt, chinesische Freunde gefunden, mich manchmal über den Alltag aufgeregt und bin natürlich im ganzen Land unterwegs gewesen. Meine Erfahrungen – vom Bewerbungsprozess für das China-Programm der Studienstiftung bis hin zu Reiseberichten – habe ich hier (wenn auch nicht immer regelmäßig) niedergeschrieben. Aber damit endet die Geschichte nicht: letztes Jahr war ich während der olympischen Spiele wieder in China und von März bis Mai diesen Jahres habe ich ein zweimonatiges Laborpraktikum in Peking gemacht. Und von 2010 bis 2011 habe ich im eisigkalten Harbin studiert.

Die meisten meiner Kategorien sind selbsterklärend, hier ein paar Hinweise für die übrigen:

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