Daily China

Alles rund ums Reich der Mitte

Als Europäerin in Harbin oder: Exotenstatus der anderen Art

November16

Inzwischen bin ich seit zwei Monaten hier in Harbin, was sich nicht nach viel anhört, mir aber wie eine Ewigkeit erscheint. Prinzipiell ist Harbin eine mittelgroße chinesische Stadt wie so viele andere auch, so dass mir die Eingewöhnung nicht allzu schwer fiel, aber ein paar Besonderheiten gibt es doch.

Das Auffälligste ist, dass ich hier nie mit dem allseits beliebten Laowai angesprochen werde. In Gesamtnordchina wurde das nämlich kurzerhand durch Eluosiren = Russe ersetzt. Von denen gibt es hier so viele, dass es durchaus Sinn macht, anzunehmen, dass ein westlich aussehender Ausländer mit Privjet mehr als mit Hello anfangen kann. Allerdings bedeutet das nicht, dass man hier statt angehellot angeprivjet wird. In Harbin gibt es durchaus so viele Ausländer, dass man allein mit großen Augen und heller Haut auf der Straße und dem Campus kein Aufsehen mehr erregt. Und auch, wenn mein bester chinesischer Freund hier es bestreitet, so habe ich doch das Gefühl, dass Russen nicht soo beliebt sind. Man nehme hinzu, dass die meisten von ihnen nicht wirklich Englisch sprechen, und schon versteht man, dass man im Gegensazt zu Nanjing oder anderen Städten ziemlich unbehelligt durch die Gegend laufen kann und von allzu offensichtlichen Sprachpartner-Angeboten verschont wird. Um chinesische Freunde zu finden, ist das jedoch nicht allzu hilfreich. Außerdem hat die HaGongDa als technische Uni verständlicherweise einen Männerüberschuss und die meisten der chinesischen Studenten sind gegenüber Mädels ziemlich schüchtern, was die Kontaktaufnahme nochmals erschwert. Aber zum Glück gibt es die Chinese Corner, die alle paar Wochen Aktivitäten mit wechselndem Inhalt und unterschiedlichen Graden an Absurdität veranstaltet. Nummer 1, unübertroffen an Merkwürdigkeit, war die Mondfest-Party, bei der wir Faschingsmasken trugen und eine Art Macarena-Tanz lernen sollten (keins von beiden hatten auch nur den geringsten Bezug zum traditionellen Mondfest). Nummer zwei war eine “Dating”-Show zwischen Chinesen und Ausländerinnen, die ihre beabsichtigte Selbstironie leider dadurch verlor, dass die anwesenden Koreanerinnen offensichtlich befürchteten, ihre Unschuld zu verlieren, wenn sie sich von einem Chinesen als “Freundin” erwählen ließen.

Aber wir schweifen ein wenig ab … In jedem Fall ist es durchaus möglich, chinesische Freunde zu finden. Unter den Ausländern geht das auch, ist aber ähnlich erschwert: die zwei größten Gruppen, Russen und Koreaner (wo im Übrigen ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis herrscht), bleiben meistens unter sich; die restlichen ausländischen Studenten sind größtenteils aus diversen Teilen Afrikas und machen ihren Master hier, entweder wegen eines Stipendiums der chinesischen Regierung oder aufgrund des guten Rufs der Uni. Und nun kommen wir auf den Titel dieses Blogeintrags zurück: als Europäerin ist man hier trotz aller Ausländer ziemlich allein auf sehr weiter Flur ;) . Aber das war ja beabsichtigt und mein Französisch sowie meine Kenntnisse nicht-chinesischer, nicht-eurpäischer Kulturen haben sich durchaus beachtlich erweitert *g*.

5 Comments to

“Als Europäerin in Harbin oder: Exotenstatus der anderen Art”

  1. Avatar Juli 21st, 2011 at 13:35 Ingrid Says:

    Mach doch mal weiter, ich finde es wirklich sehr interessant. Das Mondfestival hört sich lustig an und das verhalten der Koreanerinnen steht im kontrast zu dem was ich mit Koreanerinnen erlebt hab, aber wer weiß.

    Grüße und keep up posting! ;)


  2. Avatar August 4th, 2011 at 22:22 admin Says:

    Wie waren denn die Koreanerinnen, die du kennengelernt hast? Werde versuchen, in nächster Zeit öfter zu schreiben. Viele Grüße!


  3. Avatar Oktober 5th, 2011 at 09:20 Sandra Says:

    Das mit dem Dating find ich ja äußerst unangenehm. Da fühlt man sich bestimmt noch wie in der Schule, anstatt an einer Uni. Ich finde es jedenfalls auch krass wie stark der kulturelle Unterschied ist. Aber es macht Spaß Tag für Tag etwas Neues zu entdecken, nicht wahr?


  4. Avatar Oktober 5th, 2011 at 09:44 admin Says:

    Das war ja ein Witz, einfach nur Veranstaltung, um Ausländern die Möglichkeit zu geben, in entspannter Atmosphäre ihr Chinesisch zu üben.

    Aber klar, in China ist schon jeden Tag was los ;-) .


  5. Avatar Oktober 7th, 2011 at 15:56 Billy Says:

    Hallo Bloggerin, schön, dass Du über deine Erfahrungen aus dem Reich der Mitte berichtest. Da Du in Harbin bist, habe ich eine konkrete Frage: Ich trage mich mit dem Gedanken, nächsten Sommer für 3 Monate nach Harbin zu kommen, um Mandarin zu lernen. Am liebsten würde ich privat wohnen und Einzelstunden oder Kleingruppenstunden nehmen. Ich freue mich, wenn ich von Dir ein paar Tips bekomme, wie ich das angehen soll? Coachsurfing? Notiz am schwarzen Brett in der Harbin-Uni für eine Lehrerin/einen Lehrer? Tandem / Deutsch-Chinesisch, Englisch-Chinesisch, Ist das möglich, auch wenn ich nicht Student bin? Du spürst: viele Fragen und noch wenig Antworten. Ich wäre für Kontakte sehr froh! Besten Dank, weiterhin eine gute Zeit und herzliche Grüsse aus Basel, Schweiz., Billy


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Olympia 2008, die Expo 2010 … bei mir hat aber alles schon viel früher angefangen. Ich habe in der Schule Chinesisch gelernt, weil ich mal etwas Anderes machen wollte und weil ich Asien schon immer interessant fand. Sehr schnell wurde ich sehr sinophil und nach meinem ersten Sprachkurs in Shanghai im Sommer 2004 war mir klar, dass ich zurück will in dieses faszinierende Land – dann aber für länger. 2006 ging mein Traum dann in Erfüllung – für zwei Semester habe ich an der Universität Nanjing Chinesisch studiert, Erhu gelernt, chinesische Freunde gefunden, mich manchmal über den Alltag aufgeregt und bin natürlich im ganzen Land unterwegs gewesen. Meine Erfahrungen – vom Bewerbungsprozess für das China-Programm der Studienstiftung bis hin zu Reiseberichten – habe ich hier (wenn auch nicht immer regelmäßig) niedergeschrieben. Aber damit endet die Geschichte nicht: letztes Jahr war ich während der olympischen Spiele wieder in China und von März bis Mai diesen Jahres habe ich ein zweimonatiges Laborpraktikum in Peking gemacht. Und von 2010 bis 2011 habe ich im eisigkalten Harbin studiert.

Die meisten meiner Kategorien sind selbsterklärend, hier ein paar Hinweise für die übrigen:

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