Schwarze und weiße Katzen. Oder: China als Gast auf der Frankfurter Buchmesse
“Egal, ob die Katze weiß oder schwarz ist, Hauptsache, sie fängt Mäuse.” An dieses Zitat von Deng Xiaoping scheinen sich zur Zeit viele Journalisten erinnert zu fühlen und sind deswegen beständig bemüht, darauf hinzuweisen, dass die Katze eben doch schwarz bleibt. Schwarz und böse.
Die Katze, das ist in diesem Fall China, seines Zeichens Ehrengast bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Nach den Olympischen Spielen 2008 und vor der Weltausstellung im kommenden Jahr also eine weitere Möglichkeit für das sozialistische Unrechtsregime, sich der Weltöffentlichkeit von seiner besten Seite zu präsentieren. Aber die westlichen Medien haben das Ganze durchschaut: Zapp, das kritische Medienmagazin, weist in einem aktuellen Beitrag darauf hin, dass die chinesische Regierung doch tatsächlich versuchen würde, sich möglichst gut darzustellen. Wie ungewöhnlich, wo doch Regierungen normalerweise alles tun, um anderen Ländern auch ihre negativen Seiten nahezubringen. CCTV sende inzwischen sogar Nachrichten auf Englisch und Arabisch. Bei meiner letzten Zählung gab es auf BBC Nachrichten in 32 Sprachen, bei der Deutschen Welle in 30. Scheint fast so, als ob die Chinesen noch ein bisschen was von uns lernen könnten in Sachen “Errichtung einer Soft Power und Beeinflussung der öffentlichen Meinung in anderen Ländern”. Goethe-Institute gibt es immerhin auch nicht erst seit gestern.
Die Reporter von Zapp waren aber nicht die einzigen, die sich genötigt fühlen, auf den “wahren Charakter” Chinas hinzuweisen. Alle großen und kleinen Tageszeitungen, Wochenmagazine und was sonst noch so über die Buchmesse berichtet, sprachen vom unwillkommenen (Focus), gar vom verdächtigen (FAZ) Gast. Die frisch gekürte Nobelpreisträgerin Herta Müller war natürlich gleich in ihrem Element, sprach davon, wie traurig es sei, dass China präsentabel gemacht werde, und schützte noch vor Ort Dissidenten mit ihrer medialen Präsenz. Dass es sich dabei ausgerechnet um den Stand der Epoch Times, das Sprachrohr von Falun Gong und deswegen mit Sicherheit nicht objektiv, handelte, wird ihr der deutsche Leser sicherlich verzeihen.
Ich könnte noch auf Dutzende ähnlicher Artikel verlinken, aber machen wir es kurz: wie Prof. Heberer bei seinem Vortrag “Nachrichten aus dem “Reich des Bösen” positive und negative Berichte im vergangenen Jahr gezählt hat, habe ich in den letzten sieben Tage gezählt (die Idee hatte ich schon vorher gehabt). Meine Bilanz fällt noch krasser aus: genau einen “positiven” Kommentar habe ich gefunden. Dieser stammte ausgerechnet von Günter Grass, der die Entscheidung für China als Gastland guthieß – aber eigentlich nur darauf hinauswollte, dass auch in Deutschland einiges im Argen liege. Das mag ja stimmen, aber China als Mahnmal für eigene Defizite herzunehmen, scheint mir ob der Unterschiede in der Natur dieser Probleme ein bisschen weit hergeholt.
Wenn wir also von unserem unbequemen Nobelpreisträger und Experten wie Wolfgang Kubin oder Thomas Heberer, die dieser Tage leider nicht so oft zitiert wurden, einmal absehen, fand sich kein einziger Fürsprecher für China. Anscheinend waren alle so damit beschäftigt, das andere China zu präsentieren, dass sie ganz vergaßen, dass der Begriff des Anderen auch die Anwesenheit des Einen voraussetzt. Das eine China, das war das offizielle China unter der Führung der Behörde für Presse und Publikationen, welche der Einfachheit halber gerne auch mal mit Propaganda-Ministerium betitelt wird. Das eine China, das sein Augenmerk auf seine 5000 Jahre alte Geschichte legte anstatt auf 10 Jahre neuere und neuester Ereignisse. Das eine China, das zwar mit 100 Schriftstellern anreiste, die auch bereitwillig Interviews gaben und Lesungen veranstalteten, von denen aber ja kein einziger Dissident war und von denen deswegen auch keiner das Prädikat “lesenswert” verdiente.
Die Zeit stellt heute die Frage, was man sich eigentlich von Chinas Einladung erwartet habe. Eine gute Frage. Die Verlage waren auf Deals aus – die gemacht wurden. Aber natürlich sollte es nicht nur ums Geschäft gehen. Im Endeffekt ist die Buchmesse doch nichts Anderes als die Expo, nur dass sie eben nur einem Land die Möglichkeit gibt, sich zu präsentieren. Denken wir also zurück an die Expo 2000 in Hannover, und da an den deutschen Pavillion. In dem gab es, wenn ich mich recht erinnere, die Köpfe berühmter Deutscher zu sehen. “Ideenwerkstatt Deutschland” nannte sich das Ganze. Was es neben Adenauer und Bosch nicht zu sehen gab, waren Plakate, die über Löcher in der Rentenkasse informierten, über die zunehmende Kinderarmut oder über einen Bundeskanzler, der sich über Projektförderungen eine Adoptivtochter und später einen Aufsichtsratsplatz sicherte. Ach so, interne Probleme sollten gar nicht thematisiert werden? Na dann … Stellen wir uns weiter vor, die USA wären der nächste Ehrengast auf der Buchmesse. Würde in deren Halle dann die Zahl der im Irak und in Afghanistan gefallenen Soldaten hübsch dargestellt? Würde Israel mit Flugblättern über die Ungereimtheiten im Gaza-Krieg aufklären? Würde Frankreich als Top-Event eine Diskussion zwischen Bernard Kouchner und dem Journalisten, der ihm Interessenkonflikte vorwirft, veranstalten?
Aber China, das schon aus kulturellen Gründen (ich sage nur: Konsensgesellschaft) ein ganz anderes Verhältnis zum Dialog hat, das soll seine eigenen Dissidenten mitbringen und in Farbe seine Umweltverbrechen darstellen. Stattdessen gab es einen Aufschrei, weil China seine Möglichkeit zur Selbstpräsentation genutzt hat, wie es jedes andere Land auch getan hätte. Und dabei hätte niemand so aus dieser Präsentation Nutzen ziehen können wie die deutsche Öffentlichkeit. Ja, China hat seine lange Geschichte betont, und das ist auch gut so, denn in der Schule lernt man hier rein gar nichts über China. Während es in China das Fach “Internationale Geschichte” gibt und gute chinesische Schüler mehr über Bismarck wissen als ich, hat man als Abiturient bei uns weder den Namen wenigstens einer einzigen Dynastie gehört noch ein chinesisches Gedicht gelesen oder die Vorgänge, die zum Boxeraufstand führten, gelernt. China muss ganz am Anfang anfangen, denn sonst tut es niemand. Wer sich in den deutschen Mainstream-Medien über China informiert, bekommt den Eindruck, dass jeden Tag ein Dissident verschleppt und eine Minderheit ausgerottet wird. Die Gesellschaft für bedrohte Völker war so freundlich, mir an ihrem Stand Zahlen zu liefern: 64 Schriftsteller sind zur Zeit inhaftiert. 64 bei einem Volk von 1,3 Milliarden!
Deutschland will China so gerne helfen, eine Demokratie zu werden, aber Demokratie heißt, sich nach der Mehrheit zu richten. Und die Mehrheit der Chinesen lebt nun mal völlig anders, als bei uns berichtet wird. Das eine China, das sind in Wirklichkeit hundert Millionen von Chinas, in denen Optimismus herrscht, manchmal auch Pragmatismus. Es geht ganz sicher nicht allen gut, aber das Problem der Mehrheit ist nicht, dass keine regimekritischen Bücher geschrieben werden dürfen. Die Probleme sind vielmehr die ungeheuren Veränderungen in so kurzer Zeit, die in Mo Yan’s Buch “Der Überdruss” thematisiert werden. Oder Korruption kleiner Kader und Geburtenkontrolle auf dem Lande, wie von Li Er in “Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt” beschrieben. Beide waren übrigens Teil der offiziellen Delegation Chinas. Genau wie Yu Hua, der in großartigen Bücher wie “Leben!” oder “Brüder” die chinesische Geschichte des letzten Jahrhunderts aufarbeitet. Nicht zensiert, aber deswegen für westliche Leser nicht weniger interessant.
Dass solche Bücher ein breiteres Publikum finden, hatte ich mir vom Auftritt Chinas in Frankfurt erhofft. Dass die deutsche Öffentlichkeit einmal die Möglichkeit hat, China nicht nur die Linse oder Feder eines Auslandskorrespondenten zu sehen, sondern sich vor Ort eine eigene Meinung bilden kann.
Allem Mediengeschwätz zum Trotz haben einige Otto Normalbürger ihre Chancen trotzdem genutzt. Zum Beispiel eine Gruppe, die in der chinesischen Halle saß und es einfach nur interessant fand, einmal dieser fremden Sprache lauschen zu können. Oder eine Dame, die unerschrocken auf einen chinesischen Verleger zuging, um ihn zu fragen, “wie das in China denn nun mit den Computern und den Zeichen funktionieren würde”. Im ersten Moment musste ich über diese simple Frage schmunzeln, aber eigentlich hatte sie Recht: die Deutschen müssen endlich selbst anfangen, aktiv ihr Wissen über China zu erweitern – vielleicht werden dann auch unsere Medien auf eine geänderte Nachfrage reagieren.
