Die traurige Geschichte der Yan Xiaoling – traurig in vielerlei Hinsicht
China konnte sich nur deswegen so schnell entwickeln, weil es zwischendrin einfach ein paar Stufen übersprungen hat. Das war so beim Telefon: während es Anfang der 90er noch üblich war, zum Kiosk um die Ecke zu gehen, ist die Handydichte heute dort genauso wie hoch und hat China in absoluten Zahlen gesehen sogar die meisten Handynutzer. Und auch mit der Presse scheint es so zu laufen: man überspringt einfach den Schritt mit den uabhängigen Printmedien und errichtet stattdessen gleich ein Netzwerk von Bloggern und Forenbenutzern, die Nachrichten über Blogposts, in Foren und via Twitter verbreiten. Dabei sind sie zwar unglaublich effizient, aber unabhängig bedeutet nicht gleich objektiv, wie dieser Artikel von EastSouthWestNorth (eine Übersetzung aus der Strait Metropolis Daily) zeigt.
Der Artikel zeichnet eine Geschichte nach, die im Juni diesen Jahres durch das Internet raste: ein junges Mädchen, Yan Xiaoling, sei von einer Bande lokaler Drogenbarone, unter ihnen ihr fester Freund, vergewaltigt worden und an den daraus resultierenden inneren Verletzungen gestorben; der Fall werde jedoch von den örtlichen Polizeibehörden aufgrund von Verstrickungen mit eben diesem Drogenring unter den Teppich gekehrt. Solche Fälle sind in China nichts ungewöhnlich und so überraschte es auch niemanden, als die Netzbürger immer mehr Details zusammentrugen: die Polizei betreibe zusammen mit den Drogenbossen eine Karaokebars mit Sonderservice für späte Stunden; in der Stadt würden seit Eröffnung dieser Bar immer wieder Mädchenleichen gefunden werden. Unwahrscheinlich klingt diese Geschichte ja nun nicht und es passte auch, dass die Polizei des Kreises natürlich in einer Pressekonferenz alle derartigen Anschuldigungen bestritt und erklärte, Yan Xiaoling sei an schweren inneren Blutungen infolge einer extra-uterinen Schwangerschaft gestorben. Als Reaktion auf diese Pressekonferenz wurde von einem besonders engagierten Blogger, You Jingyou, der Mutter des Mädchens, Lin Xiuying, die Möglichkeit gegeben, in einem Video ihre Version der Geschichte darzustellen. Und so spielte sich die Geschichte immer weiter hoch, bis sich ein Reporter der Zeitung vor Ort begab, um mit den Beteiligten zu sprechen und die verschiedenen unklaren Punkte aufzuklären.
Dabei fand er Folgendes heraus:
- Die einzige Quelle für die Geschichte war die Mutter Lin Xiuying gewesen, die von Anfang an etwas gegen die Beziehung ihrer Tochter mit dem angeblichen Drogenbaron Nie Zhixiong gehabt hatte. Sie hatte, nachdem sie die Leiche gesehen hatte, angeblich Hinweise auf eine Vergewaltigung ihrer Tochter gesehen – sieht aber tatsächlich auf einem Auge gar nichts mehr und auf dem anderen nur wenig (sie konnte das Gesicht des Reporters aus einer Entfernung von weniger als einem halben Meter nicht erkennen).
- Der Arzt, der die erste Autospie durchgeführt hatte, sowie alle, die sich mit dem Fall danach beschäftigt hatten, hatten weder Anzeichen für Gewaltanwendungen festgestellt noch Spuren von Sperma gefunden. Er hatte jedoch ein Loch am Ende eines Eileiters entdeckt; in einer späteren Untersuchung wurde dann auch embryonisches Gewebe nachgewiesen, selbst wenn der eigentliche Embryo nicht gefunden wurde. Dieser kann jedoch durch die starke Blutung in die Bauchhöhle gespült worden sein.
- Yan Xiaoling hatte bereits seit dem Abend zuvor (den sie mit Freunden in der besagten Karaoko-Bar verbracht hatte) über starke Bauchkrämpfe geklagt; am Abend ihres Todes war sie mit einem Freund, Lin Xijian, allein in der Wohnung ihres Freundes gewesen. Als die Schmerzen unerträglich wurden, brachte dieser sie ins Krankenhaus; weil er jedoch über keinerlei finanzielle Mittel verfügte, ließ er sie dort zurück und machte sich stattdessen auf die Suche nach Nie Zhixiong. Da Yan Xiaoling in der Zwischenzeit jedoch verstarb, informierte das Krankenhaus zunächst die Polizei, die bei der Identifizierung behilflich sein sollte, jedoch nicht bei der Aufklärung eines Verbrechens, da kein Hinweis auf ein solches bestand.
- Im Internet war auf die fehlende Unterwäsche von Yan Xiaoling bei der Einlieferung ins Krankenhaus hingewiesen worden. Laut Aussage von Nie Zhixiong hatte sich seine Freundin mehrfach übergeben und irgendwann waren einfach keine sauberen Sachen mehr da gewesen.
Wenn man diese überwältigende Menge an Augenzeugenberichten, Untersuchungsergebnissen und Recherchen zusammenfasst, kann man eigentlich nur die Meinung des Reporters teilen und zu dem Schluss kommen, dass der Fall Yan Xiaoling ein tragisches Unglück war, aber kein Verbrechten. Wie aber war es dann überhaupt zu den Berichten im Internet gekommen?
Lin Xiuying war über die Nachricht vom Tod ihrer Tochter entsetzt gewesen und wollte nicht an eine Schwangerschaft glauben, da Yan Xiaoling einige Tage zuvor noch ihre Periode gehabt hatte (dabei kann es sich jedoch auch um Blut gehandelt haben, das aus ersten Rissen in der Schleimwand des Eileiters austrat). Sie fühlte sich in der Meinung über den Freund ihrer Tochter bestätigt, als ihr die Nachricht vom Tod Yan Xiaoling’s von einer Gruppe “zwielichter Gestalten” überbracht wurde; sie hörte Gerüchte, dass Yan Xiaoling am Abend zuvor in der Karaokobar gewesen war, verband diese mit dem, was sie in der Leichenhalle zu sehen geglaubt hatte und spann sich so eine verworrene Geschichte zusammen, mit der sie an die Polizei herantrat. Und als diese ihr nicht mehr weiterhelfen konnte, hatte sie das Glück, auf eine Menschenrechtlerin names Fan Yanxiong zu treffen, die sich auf Petitionen kleiner Bürger spezialisiert hatte. Diese nahm sich der Geschichte an, brachte sie in eine klare Form und leitete sie schließlich an den Herausgeber einer ausländischen Website weiter, von wo sie wieder zurück nach China kam und dort weite Kreise zog: acht Internetnutzer, unter ihnen auch Fan Yanxiong, wurden wegen “Verbreitung falscher Anschuldigungen” verhaftet. Drei von ihnen sitzen immer noch in Untersuchungshaft.
Und das alles nur, weil sie für mehr Gerechtigkeit sorgen wollten. Wem kann man in diesem Fall Vorwürfe machen? Einer Mutter, die, entsetzt über den Tod ihres Kindes, blind für die Wahrheit war? Einer Bloggerin, die sich mehr von ihren Emotionen als von ihrem journalistischen und juristischen Instinkt leiten ließ und somit falsche Meldungen in die Welt setzte, die von anderen begierig aufgenommen wurde? Wohl kaum.
“Schuld” ist der chinesische Staat. Ein Staat, in dem niemand mehr die Aussagen der Polizei für bare Münze nimmt. In dem schon so viele Verbrechen von teilweise unglaublichem Ausmaß verheimlicht wurden, dass niemand über einen weiteren Fall erstaunt ist. Die Geschichte von Yan Xiaoling ist nicht wahr, aber das Netz ist voll von tausenden solcher Fälle, die auch sorgfältigen Recherchen standhielten – und von denen wir heute nichts wüssten, hätten nicht ein paar engagierte Blogger die Iniative ergriffen und darüber berichtet.
Und trotzdem hat der Fall Yan Xiaoling meine Einstellung zu solchen Berichten verändert. Während ich früher immer automatisch angenommen habe, dass der Schwächere, Unterdrückte im Recht ist, werde ich in Zukunft zweimal hinsehen, bevor ich mich zu einem Urteil hinreißen lasse. Denn manchmal lügt selbst die chinesische Polizei nicht.

Wie es mit den verhafteten Bloggern weiterging: http://sun-zoo.com/chinageeks/2009/12/16/yan-xiaoling-legal-questions-and-reporting-injustice/