Daily China

Alles rund ums Reich der Mitte

客气 – Höflich

April29

Keqi

Ausgesprochen kéqì, wobei 客 “Gast” bedeutet und 气 für “Stimmung, Atmoshäre” steht. Gemeint sind damit meistens nicht höfliche Umgangsformen, wie sie zu 文明 gehören, sondern wirklich das Verhalten, das ein Gast an den Tag legen würde. Somit ist 客气 nicht unbedingt ein positives Wort: eine der vielen Antworten auf 谢谢(xièxie = “Dankeschön”) ist 别客气, was übersetzt “Sei doch nicht höflich” bedeutet. Und das ist keineswegs nur eine Floskel: beim Einkaufen oder im Umgang mit Fremden bedankt man sich zwar wie bei uns, aber wenn man das unter Freunden auch so macht, entsteht der Eindruck, man wolle Distanz wahren und den anderen als Außenstehenden behandeln. Besonders schlimm ist in dieser Hinsicht “谢谢你” (“Dank dir”), das als sehr übertrieben empfunden wird; kann man es sich wirklich nicht verkneifen, sollte man also auf ein saloppes “谢了” ausweichen. Aber am besten kommt es wirklich, wenn man gar nichts sagt – weder, wenn einem jemand einen Stift reicht, noch bei einer Erklärung unter Kollegen. Wenn jemand etwas Größeres für einen macht, ist ein 麻烦你 (máfan nǐ “Ich belästige dich”) angebracht, sowohl gegenüber Fremden als auch Freunden.

Auf den ersten Blick mag das jetzt alles recht kompliziert klingen und natürlich ist es am Anfang auch völlig okay, wenn man einfach nur 谢谢 verwendet. Aber man sollte diesen kulturellen Unterschied, den ich inzwischen als einen der grundlegendsten überhaupt empfinde, wirklich im Hinterkopf behalten. Denn meiner Meinung nach zieht hier das Argument “Sie wissen ja, dass ich Ausländer und deswegen anders bin” nicht richtig, denn die meisten Chinesen wissen wohl nicht, dass wir in so etwas Grundlegendem anders sind. Ich vergleiche das gerne mit dem Zählen: natürlich sagen Chinesen einem Ausländer normalerweise nicht den Preis auf Chinesisch, weil sie sich schon denken können, dass er das nicht versteht. Stattdessen zeigen sie ihm halt den Preis mit den Händen an. Was sie aber nicht wissen, ist, dass auch ihre Art, mit den Fingern zu zählen, ganz anders ist als unsere, und der Ausländer schlussendlich immer noch nicht weiß, wieviel das Ding denn nun kosten soll. Dasselbe gilt übrigens auch umgekehrt: selbst ich, die ich inzwischen darum weiß, fühle mich im ersten Moment noch vor den Kopf gestoßen, wenn ich mich für meine chinesische Freunde abrackere und überhaupt kein Wort des Dankes zurückkommt. Wenn man sich allerdings erstmal an die Denkweise dahinter gewöhnt hat, ist es eigentlich sogar ganz schön – unter Freunden hilft man sich einfach gegenseitig, ohne große Worte darum zu machen.

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