Pingyao, Shanxi

Ich entschuldige mich für die Unterbrechung der 602-Sätze und entschädige euch dafür mit einem kleinen Bericht über meinen Wochenend-Trip nach Pingyao, seines Zeichens wieder mal Weltkulturerbe und eine gute erhaltene Stadt aus der Ming-Zeit.
Per Nachtzug ging’s am Freitag los – da die Bahn in Peking mal wieder ihr System geändert hatte und seit neuestem doch wiede
r zehn Tage vorher Tickets ausgibt, kam ich am Montag natürlich relativ spät und bekam deswegen nur noch Tickets für die obersten Betten. So schlimm war es da oben aber auch wieder nicht, man hatte eine schöne Aussicht und seine Ruhe, wenn auch wirklich keinerlei Platz zum Aufrichten.
Nach einer mittelprächtigen Nacht (die Rentner-Reisegruppe war schon um fünf Uhr hellwach und entsprechend laut) kamen wir um halb acht in Pingyao an, kümmerten uns erstmal um Rückfahrtickets und ließen uns dann von einem Hotel-Tout für zwei Yuan pro Person mit in die Stadt nehmen. Und wie er uns versprochen hatte, war es auch kein Problem, als wir uns gegen sein Hotel entschieden (zu teuer und zu viele Ausländer) – das ist das Schöne am Handeln mit Chinesen, wenn man sich einmal geeinigt hat, gibt es kein Zurück mehr. Also klapperten wir verschiedene Hotels auf der Nan Da Jie ab und fanden auch recht bald etwas im Ming Yu Hotel. Das Zimmer sah aus wie die anderen und billig war es auch – was wir leider erst später herausfanden, war, dass es nur abends heißes Wasser gab (wir hätten die Hinweise auf “24h hot water” an den anderen Hotels ernst nehmen sollen …). Aber wozu gibt es große Heißwasserflaschen mit 2l Füllvolumen? Auch so lassen sich Haare waschen …
Nachdem wir also auf unserem prima beheizbaren Kang (炕) (ein traditionelles Bett aus dem Norden Chinas, das aus Ziegelsteinen besteht und in heutigen Zeiten mit einem Heizungsrohr versehen ist) noch etwas Schlaf nachgeholt hatten, ging’s los zum Mittagessen. Von der Pingyao’er Spezialität 平遥牛肉, Glutamat-reiche Rindfleischscheiben ohne Soße war ich ebensowenig überzeugt wie von der lokalen Interpretation von Chocolate Pie (extrem fettiger Pfannkuchen mit Schoko-Batz, den man beim besten Willen nicht essen konnte). Dann schon lieber trockene Brötchen und Mondkuchen. So “gestärkt” schwangen wir uns auf’s Tandem (20 Yuan für einen Tag) und erkundeten die Stadt. Auf
jeden Fall sehr empfehlenswert, denn auf diese Weise bekommt man wesentlich mehr von der Grey-Brick-Red-Lantern-Atmosphäre mit, als wie wenn man nur auf den Hauptstraßen auf der Suche nach weiteren “Sehenswürdigkeiten” herumläuft. Auch wenn sicher nicht alle Gebäude echt und aus der Ming-Zeit sind, hat man trotzdem ein Gefühl von Authenzität, das ich in den hergerichteten Häusern, die wir am nächsten Tag besichtigt haben, vermisst habe. Abends dann noch ein bisschen Bummeln auf der Hauptstraße – eine Mischung aus Trödelmarkt und Touristenkitsch, aber nett anzusehen.
Am Sonntag ging’s dann zu den ausgewiesenen Sehenswürdigkeiten – für 80 Yuan kriegt man ein Tagesticket, mit dem Zutritt zu fast allen Sehenswürdigkeiten der Stadt sowie zwei Tempeln in der näheren Umgebung hat. Ich bin natürlich ein absoluter Laie, aber mir erschienen diese museumsartigen Häuser ziemlich künstlich (einfach irgendwe
lche Möbel zusammengestellt) und auch nicht wirklich alt. In China legt man mehr Wert darauf, dass es wenigstens annähernd so aussieht wie früher, auch wenn man dafür alles neu aufbauen muss (Foto rechts zeigt einen Handwerker beim Aufbau eines “Original”-Ming-Zeit-Hotels). Vielleicht hätte man auch die Erklärungen eines qualifizierten Reiseführers gebraucht, aber wir waren eigentlich immer froh, wenn wir mal wo alleine waren und dafür alles in Ruhe anschauen konnten.
Richtig gut gefallen hat mir der Ausblick vom Stadtturm (市楼) – die fünf Yuan extra waren eine gute Investition. Von da oben konnte man sich nämlich richtig gut vorstellen, wie es hier in alten Zeiten abging.
Auch wenn vielleicht nicht alles echt ist, hat Pingyao wirklich Flair und das kann man ja nun nicht von vielen chinesischen Städten behaupten. Natürlich gibt es jede Menge chinesischer und zunehmend auch ausländische Touristen, aber insgesamt lange noch nicht so schlimm wie z.B. Dali, denn in Pingyao leben tatsächlich auch noch normale Chinesen. Auf jeden Fall sehenswert, vielleicht als Zwischenstopp auf dem Weg von Peking nach Xian.

