Tagebuch einer Zugfahrt III
22.46h
Ich liege ganz am Ende eines Wagens, neben dem Waschbereich. Quizfrage:
Was ist daran am nervigsten?
a) Dass alle Leute, die aufs Klo wollen, auf jeden Fall an mir vorbeigehen müssen.
b) Dass die ganze Zeit Licht brennt.
c) Das sagenhafte, unbeschreibliche Geräusch, mit dem Chinesen den Schleim sammeln, bevor sie kraftvoll ausspucken (ich weiß, das liest sich schrecklich eklig, aber ich versichere euch, dass es in echt noch viel ekliger klingt!). Das tun sie im Hardsleeper, weil sie ja sehr kultiviert sind, nur ins Waschbecken – im Hardseater gelten solche Einschränkungen nicht.
22.47h
c)!!!
2.10h
Die Leute, die demnächst aussteigen wollen, machen sie unglaublich lautstark zu eben diesem bereit.
2.23h
Mit dem gleichen Getöse steigen sie endlich aus.
3.59h
Hatte ich schonmal erwähnt, dass die Antwort c ist??
4.30h
Die nächsten Station nähert sich – siehe 2.10h.
5.25h
Warum in Gottes Namen sollte man im Zug, wo man eh nichts zu tun hat, so früh aufstehen wollen? Tut aber mindestens ein Viertel der verbleibenden Fahrgäste. Es ist immer noch c.
6.01h
Die Zugbegleiterin sammelt die Platzkarten wieder ein und gibt einem dafür das ursprüngliche Papierticket zurück. Was zunächst wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme aussieht, erfüllt tatsächlich einen Zweck: so weiß sie, wann sie wen wecken muss.
6.30h
Die letzte halbe Stunde ist die beste Stunde Schlaf im Zug … ich bin so müde, dass ich sogar c) ausblenden kann und in wundervolle 20 Minuten Tiefschlaf versinke.
7.05h
Okay, die Tonbandansage, die auf Chinesisch und Englisch die Vorzüge Nanjings anpreist, kann man nicht ausblenden. Ich habe immer noch nicht verstanden, warum man Leute, die ohnehin auf dem Weg dorthin sind, ihre Reiseziel noch schmackhaft machen muss.
7.20h
Ich habe wohl geträumt, dass ich ein kleiner kläffender Köter bin, der sich in eine feiste Wade verbissen hat. Nur so lässt sich erklären, warum mein Kiefer so verspannt ist. Oder aber ich habe als Abwehrreaktion auf c) meinen Mund gaaanz fest zugemacht.
7.30h
Witzigerweise fühlen sich die Chinesen wohl genauso zerknüllt wie ich, denn morgens kommt eigentlich nie eine richtige Unterhaltung zustande.
7.39h
Die letzte Ticketkontrolle (es waren ja erst vier: beim Betreten des Bahnhofs; beim Verlassen der Wartehalle Richtung Gleis; beim Einsteigen in den Zug; am Platz bei der Ausgabe der Platzkarte) findet beim Verlassen des Bahnhofs statt. Hier zeigt sich mal wieder, dass die Einführung des Anstehtages am 11. jeden Monats eine durchaus sinnvolle Sache war und unbedingt fortgeführt werden sollte, da leider noch nicht alle Chinesen davon profiitiert haben.
Und die Moral von der Geschicht’: Eine Zugfahrt, die ist anstrengend, aber auch amüsant. Fairerweise muss man zugeben, dass es sich im Softsleeper viel angenehmer schlafen lässt, weil man ja vom ständigen Ein- und Aussteigen in der Regel wenig mitkriegt. Dafür knüpft man aber nicht so viele Kontakte.
In jedem Fall war es sicher nicht meine letzte Zugfahrt und tatsächlich hoffe ich, dass ich auch euch Appetit machen konnte …

