Tagebuch einer Zugfahrt II
12.22h
Nachdem ich noch kurz im Labor war und mich unterwegs mit Tupperboxen (sehr chinesisch mit Blütenmuster) und Proviant eingedeckt habe, komme ich nach Hause. Nur noch schnell eine Maschine Wäsche reinwerfen, damit die in meiner Abwesenheit trocknen kann …
13.46h
Murphy’s Gesetz hat sich mal wieder bewahrheitet: nachdem sich meine Waschmaschine schon die ganzen letzten Tage Geräusche gemacht hat, als ob sie Richtung Mond abheben will, hat sie heute endgültig den Geist aufgegeben. Tja, damit muss ich mich wohl beschäftigen, wenn ich wieder da bin … schnell meinen Hello Kitty-Plüschanzug (so etwas braucht man an kalten Pekinger Abenden!!) notdürftig ausgewrungen und ab geht’s zur Bushaltestelle.
15.20h
Mein neuer Weg zum Bahnhof (Bus+U-Bahn) ist zwar nicht schneller (immer noch eine Stunde), aber mit Gepäck deutlich bequemer als der alte (Bus+U-Bahn+U-Bahn+U-Bahn+U-Bahn). Kurz überlege ich mich, ob ich meinem Chinesentum heute endgültig die Krone aufsetzen und so wie 200 andere Chinesen auch VOR dem Bahnhof (auf einer Zeitung sitzend oder einem Reissack schlafend) auf meinen Zug warten soll, entscheide mich dann aber doch dagegen. Ich habe weder Zeitung noch Reissack dabei.![]()
15.35h
Nächstes Mal nehme ich definitiv einen Reissack mit. Egal, zu welcher Tages- oder Nachtzeit man mit welchem Zug fährt, die Wartehalle ist völlig überfüllt (siehe Video). Draußen hat man eindeutig mehr Platz.
15.40h
Die Schafe dürfen auf die Weide! Jedenfalls stürmen die sicher genauso rücksichtslos nach vorne wie meine Mitreisenden. Hat man ihnen eigentlich mal gesagt, dass es von jeder Platznummer nur eine Karte gibt?
16.00h
Wie üblich kommt jemand und behauptet, dass ich auf seinem Bett liegen würde. Wie üblich lässt sich das durch einen simplen Kartenvergleich aufklären und wie üblich liege ich richtig. Aber gut, dass wir darüber gesprochen haben.
17.30h
Nachdem der Essensverteiler zum fünften Mal mein Nachmittagsschläfchen mit einer lautstarken Verkündigung seines Angebots unterbrochen hat, kriege auch ich Hunger (wohlgemerkt wegen der Uhrzeit, nicht etwa wegen seines Angebots!). Bei mir stehen auf der Speisekarte: zwei Fladenbrötchen, die ich heute aus der Mensa geholt habe (warm sind die echt gut), Kirschtomaten, Erdbeeren, Oreos und zur Not noch Tuc-Kräcker und Gummibärchen. Ich weiß, nicht gerade nahrhaft, aber in Peking kenne ich noch kein Skyways, wo man sich einfach ein paar Sandwiches mitnehmen könnte … Während des Essens bewundere ich die Landschaft: eine absolut häßliche Industriestadt und ihre Ausläufer. So hässlich, dass sie schon fast wieder fotogen wäre. Bin mir aber ziemlich sicher, dass auf Fotos nur die Hässlichkeit rüberkommen würde, und lasse es deswegen gleich.
18.05h
Mit einer simplen Frage nach dem Namen der aktuellen Station liefere ich ihnen die Vorlage, auf die sie nur gewartet haben. „Du sprichst aber gut Chinesisch!“ – und schon sitzen drei Männer und eine Frau um mich herum. Die Leute von den Betten über uns beteiligen sich natürlich auch munter. Ring frei für die mit Abstand interessanteste Diskussion, die ich während einer Zugfahrt geführt habe!
18.15h
Es fängt mit Belanglosigkeiten an – wer woher kommt, was man macht, wie schlimm man von der Wirtschaftskrise getroffen ist, wohin man fährt. Das führt zu einer Diskussion über die Vorteile verschiedener Regionen Chinas. Wir kommen zurück zu mir und den Unterschieden zwischen dem Westen und China, woraus sich eine detaillierte Untersuchung des chinesischen Hochschulsystems ergibt. Aus irgendeinem Grund landen wir dann beim Panjiayuan und stellen anschließend fest, dass Männer überall auf der Welt gleich sind (auch chinesische Männer hassen Bummeln und lange Telefonate).
21.23h
Ich klinke mich kurzzeitig aus der Diskussion über das Wasseraufbereitungsgerät, das die Firma eines Mitreisenden vertreibt, aus, um mir noch bettfertig machen zu könne, bevor das Licht ausgeht. Wow, die Zeit verging echt schnell, und ich hatte noch nicht mal Zeit, mit dem Sticken meines nächsten Schlüsselanhängers anzufangen!
22.14h
Der Typ mit dem Wasseraufbereitungsgerät ist besonders hartnäckig und erklärt mir den Mechanismus nochmal im Detail (das Gerät bricht die Wasserstoffbrücken und macht das Wasser somit kleiner, damit es von den Zellen besser aufgenommen werden kann – wozu gibt es eigentlich Porine??). Mein Bettnachbar gegenüber, Typ Realist, lässt sich nicht überzeugen. Richtig interessant wird es, als mich Mr. Sauberes-Wasser (der wirklich nett ist) sehr ernsthaft fragt, ob ich eine Botschaft hätte, die ich den Chinesen mitteilen möchte. Okay, nichts Falsches sagen – auch wenn ich mir wie ein Vertreter von einem anderen Planeten vorkomme, sehe ich von allen lustigen Bemerkungen à la „Nach Hause telefonieren“ ab. Leider komme ich nicht wirklich dazu, meine Meinung ausführlich darzulegen, da wir vom oberen Bett mit Hinweis auf Schlafenszeit unterbrochen werden. Echt schade. Obwohl – wenn ich es mir recht überlege, muss ich meine Meinung erst noch in astreinem Chinesisch ausformulieren. Am Ende hört noch wirklich jemand darauf!!