Ein Besuch bei Freunden
Die letzte halbe Woche war hier im Blog leider nicht viel los, aber meine Abwesenheit hatte einen guten Grund: ich habe nämlich eine gute Freundin von mir, ihres Zeichens Chinesin, in Nantong, Jiangsu, besucht. Obwohl ich ja bereits ein Jahr bei einer chinesischen Familie gelebt habe, waren die drei Tage dort waren eine echte Bereicherung, was meine Wissen über chinesische Gastfreundschaft und sonstige Alltagskultur angeht. Hört selbst …
Am Mittwoch ging es mit dem Nachtzug von Peking aus los. Sparsam wie ich bin, hatte ich ein Hardsleeper-Ticket gekauft, d.h. sechs Leute in einem zum Gang hin offenen Abteil. Da es sich aber um einen Z- und damit Luxuszug handelte, darf man den Teil mit dem “Hard” nicht wörtlich nehmen und auch die Waschgelegenheit war recht sauber. Das Problem war mehr der freundliche Mann, der mir gegenüber schlief – ich wusste nicht, dass Schnarchen auch die 100 Dezibel-Grenze übersteigen kann! In den frühen Morgenstunden hielt der Zug außerdem ständig, so dass die Nacht insgesamt nicht sehr erholsam war. Sei’s drum, am Donnerstag gegen sieben Uhr (zwölf Stunden Fahrt), am Bahnhof wurde ich von meiner Freundin und ihrem Freund abgeholt und wir fuhren erstmal zu ihr nach Hause. Die erste Überraschung: die Wohnung war sehr schön hergerichtet und sehr sehr ordentlich. Fast schon ein bisschen zu ordentlich … mal ehrlich, die Ausstellungsküchen von Ikea sehen ja bewohnter aus! Kann natürlich auch daran liegen, dass Chinesen generell oft auswärts essen – aber auf der ganzen Ablage stand kein einziges Gerät oder irgendwelches Essen. Das Wohnzimmer war ähnlich – viele der allseits beliebten Möbel aus rot-schwarzem Holz (die laut meiner Freundin innerhalb weniger Jahren enorm an Wert gewinnen); alle Geräte wie DVD-Player waren mit roten Tüchlein abgedeckt. Immerhin hatten sie die Schilder und Plastikfolien von den Möbeln entfernt *g*(das war bei meiner Gastfamilie in Shanghai nicht der Fall gewesen und man muss sagen, dass solche Folie an heißen Sommertagen nicht gerade eine angenehme Sitzgelegenheit ist). Nicht fehlen durfte natürlich ein riesiger Plasmafernseher, der an war, sobald jemand zu Hause war. Jede Familie hat mind. zwei, eher drei derartige Fernseher – Fernsehwerbung muss in China wirklich teuer sein, bei dem Impact. Offensichtlich ist es bei Chinesen so, dass alte Wohnungen auch wirklich heruntergewirtschaftet werden (da läuft man dann den ganzen Tag mit den Straßenschuhen herum) und neue extrem gepflegt (jede Familie verfügt über ein Dutzend Hausschuhe für Gäste, so dass es selbstverständlich ist, dass jeder entweder seine Schuhe auszieht oder vor der Tür wartet).
Danach ging’s dann zu einem beliebten Tempel in der Gegend, der an sich nichts Besonderes war. Es war jedoch mein erster Besuch mit Chinesen, die sich dort auch um die Gunst Buddhas bemühen wollten – gleich am Eingang
kaufte meine Freundin also zwei Päckchen Räucherstäbchen, was im Vergleich zu den Einkaufskörben der nachfolgenden Gruppe wenig war. Aber sie kaufte auch noch irgendwelche – tatsächlich muss man sich beim Kauf genau überlegen, was man von Buddha haben will. Es gibt eine Sorte, die dem Kind Glück in der Schule bringt, eine, die Glück auf Reisen bringt, Glück für die ganze Familie, Glück im Beruf … Wenn man aber erstmal diese schwierige Wahl getroffen hat, ist
der Rest ziemlich einfach. Ich dachte ja immer, man nimmt zwei, drei Stäbchen, verbeugt sich vor dem ersten Buddha, geht dann zum nächsten usw. Tatsächlich gibt es auch die Schnellmethode. Einmal verbeugen und dann ab mit dem ganzen Päckchen in einen Ofen!
Selbst wenn sie keine überzeugten Buddhisten sind, achten die allermeisten Chinesen diese Rituale, nur um “sicherzugehen”, wie sich meine Freundin ausdrückte. Was denn auch dazu führte, dass sie in diesem Jahr keine Ochsenfrösche mehr essen darf (hat ihr ein buddhistischer Lehrer in einem Tempel in Zhouzhuang gesagt). Wenn’s hilft …
Am Donnerstagabend kam dann das große Festmahl. Man muss dazu sagen, dass das nicht extra wegen mir geplant war – die drei Familien hätten sich ohnehin getroffen und so war ich mehr Zaungast bei einem typische chinesischen Abendessen. Wir waren elf Leute und insgesamt wurden 27(!!) Gerichte aufgetragen – kalte Gerichte, Suppen, die üblichen chinesischen Sachen mit Fleisch und Gemüse, Fisch, Rindersteak à la Westen (allerdings mit sehr viel mehr Knochen, als bei uns sonst üblich), Obst … besonders hinweisen möchte ich an dieser Stelle auf die Schlange. Serviert wurden Fleisch und Haut, wobei ich nur ersteres probiert habe – das war dafür extrem lecker! So wie es aussah, hat man die Schlange im Querschnitt halbiert und dann sehr knusprig gebraten – man musste das zarte, absolute magere Fleisch dann wohl von den Rippen abfieseln. Sehr empfehlenswert, genau wie der Ochsenfrosch. Lustig am Essen war natürlich auch das Drumherum: ständig prostete man sich gegenseitig zu (wobei man aufsteht und mit dem Glas auf die Tischplatte klopft), lud andere dazu ein, mitzuprosten, schenkte sich gegenseitig ein (was natürlich immer erst dreimal abgelehnt wird) … die Lautstärke kann man sich ja vorstellen. Erlaubt und erwünscht ist übrigens auch, den Inhalt des eigenen Glases mit dem Nachbarn zu teilen. Gegen Ende hin nahm das Ganze bizarre Formen an, als einer der Gäste sein Glas auf dem Tisch ausleerte
. Die Sache mit dem Bezahlen war wohl schon vorher ausgemacht gewesen, so dass ich erst bei der anschließenden Bootsfahrt eine Kostprobe des typisch chinesischen Bezahlkampfes abbekam. Die Gegner hier: die Mutter meine Freundin und der 22-jährige Sohn einer anderen Familie. Ich bin nur froh, dass keiner ins Wasser gefallen ist … wie sagte doch jemand so schön: “Die Chinesen haben Kung-Fu nur erfunden, damit sie sich beim Bezahlen durchsetzen können.” Ein Wort zur Bootsfahrt selbst: Nantong ist laut den Erzählungen des Bootsführers der Nabel der Welt – eine Stadt von Kultur, Bildung, Architektur und Sport. Eigentlich komisch, dass es trotzdem soo unbekannt ist. Naja, Heimatliebe wird in China eben ganz groß geschrieben.
[...] sind die nicht alle Atheisten? Erstens – nein. Wie ich hier erklärt habe, gehen Chinesen in Glaubensfragen lieber auf Nummer Sicher. Und zweitens – um diese [...]