Waijiao – ausländische Lehrkraft
Ferienzeit – sogar im arbeitswütigen China, in dem der Spruch “Lernen ist unbegrenzt möglich” sehr hochgehalten wird, gibt es so etwas Ähnliches wie offizielle Schulferien – zwei Monate, in denen die chinesischen Kinder ihre Hausaufgaben eben ohne Betreuung machen (angeblich müssen sie jeden Tag einen mehrseitigen Aufsatz schreiben – und das allein für Chinesisch).. Und die “übrige” Zeit können sie dann für diverse Camps nutzen, z.B.. eben für ein “Exciting English Camp”, in dem auch ich ein kleines Rädchen bin. Für insgesamt 20 Tage bin ich in einem Ort zwei Stunden von Nanjing, dessen Ausländer-Anteil sich mit unserer Ankunft etwa ver-15-facht hat (wir sind 27 Leute).
Anfangs dachte ich, naja, das ist leicht verdientes Geld, ein paar Fünftklässlern Old MacDonald beizubringen, kann ja wohl nicht so schwierig sein. Weit gefehlt. Sechs Stunden Unterricht pro Tag mit Dauerlächeln, bisher elf Tage ohne Pause (es bleiben nur noch neun) schlauchen doch mehr, als ich dachte. Im Übrigen stellt sich heraus, dass man selbst, wenn man von A wie Alligator (snap, snap) bis Z wie Zebra (jump, jump) alle Tiere durchmacht, nicht jeden Tag nur Old MacDonald singen kann. So hat sich mein Schatz an englischen Kindergartenliedern und -reimen in den letzten Tage verzehnfacht und ich bin inzwischen auch mühelos dazu im Stande, die Pausen im nächsten Stusti-Treffen mit unterhaltsamen Spielen zu füllen (“Everybody who’s wearing blue trousers, please stand up and jump ten times!” In China ist mein Favorit allerdings “Everybody with black hair” *g*).
Aber ich will mich nicht beklagen, die Kinder können auch wirklich niedlich sein. Am Ende des ersten Camps (also gestern) sollten sie mir alle ein Feedback schreiben, und wenn man mal davon absieht, dass 90% auch nach fünf Jahren Englisch-Unterricht immer noch bei “You is good teacher” steht, waren sie wirklich goldig. Jedenfalls weiß ich jetzt, was es für ein erhebendes Gefühl ist, Fanpost zu lesen.
Neben dem chinesischen Schulleben lerne ich hier auch das Leben in einer danwei kennen (danweis sind die Arbeitseinheiten, in denen sich unter Mao das gesamte Leben abgespielt hat). Okay, ein 3-Sterne-Hotel mit einer für China höchst ungewöhnlichen Badewanne (normalerweise sind chinesische Bäder so angelegt, dass man gleich das gesamte Bad putzt, wenn man duscht) mag nicht das typische Umfeld sein, aber der Ablauf stimmt schon: um halb sieben Weckruf (leider ohne Hymne!), um sieben Frühstück, um halb acht Abfahrt, das selbe gilt dann auch für Mittagspause und Abendessen (wird natürlich alles gemeinsam eingenommen). Am Anfang wurden wir tatsächlich dazu aufgefordert, uns abzumelden, wenn wir das Hotel verlassen, und uns überhaupt nur zu zweit fortzubewegen – eine Regelung, die sich jedoch nicht richtig durchsetzen konnte. Auch das Arbeitsklima ist durch und durch chinesisch, wir bewerten die Schüler und belohnen sie mit Good-Student-Cards, sie evaluieren im Gegenzug uns. Unsere Vorgesetzten schauen ständig im Unterricht vorbei, Selbstkritik wird nicht explizit gefordert, ist aber gern gesehen. Und sogar die Schüler kennen als Lob nur: “Mach es nächstes Mal noch besser!”. Durchaus gewöhnungsbedürftig. Ebenso wie die Informationspolitik. Meistens erfährt man alles erst, wenn es schon passiert. Wer braucht schon langfristige Planung? So also die Freuden und Leiden eines Lehrers in China..
