Huang Shan, Anhui

Mein zweiter Ferientrip war ein dreitägiger Ausflug zum Huang Shan (“der” Berg ist tatsächlich ein ganzes Gebirge mit vielen verschiedenen Gipfeln, die alle etwas über 1800m hoch sind). Zur Abwechslung also mal “unberührte” Natur …
Donnerstag, 5. Oktober 2006
Nachmittags ging’s mit dem Bus los. Das genaue Ziel war uns unklar, denn auf dem Ticket stand nur “Huang Shan”, aber natürlich würde der Bus uns nicht am Fuße des Berges absetzen … überhaupt verlief diese Busfahrt etwas weniger geordnet als die nach Suzhou. Während es sich dort bei den Fahrzeugen um moderne, gut gepolsterte und vollklimatisierte Luxusbusse mit mehreren Fernsehern handelte, konnte man sich bei diesem Gefährt nicht sicher sein, ob es den TÜV bestanden hätte. Klimaanlange gab es jedenfalls keine (was sich im Nachhinein als gut herausstellte, denn so herrschte während der Fahrt eine angenehme Temperatur) und Fernseher erst recht nicht. Wir waren zwar nicht die einzigen Reisenden, aber die Zahl der Touristen ließ sich an einer Hand abzählen. Ein Großteil der übrigen Fahrgäste war wohl anlässlich des Mondfestes auf dem Weg ins Heimatdorf, was man leicht an zwei Dingen erkennen konnte: zum einen trugen sie in jeder Hand mehrere große Tüten mit Mondkuchen (kann man die auf dem Land eigentlich nicht kaufen?) und zum anderen stiegen sie mitten in der Botnik (auch in China kann man deutsche Fremdwörter lernen; für alle, die kein Indianer-Überlebenscamp mitgemacht haben: Botnik = Pampa) aus. Erstaunlicherweise scheinen die Busfahrer auf telepathischem Weg zu kommunizieren oder es gibt tatsächlich so etwas wie einen Fahrplan, denn das eine Ehepaar, das wir am Feldrand absetzten, wurde schon im nächsten Augenblick vom nächsten Bus aufgesammelt. Fahrender Ritter auf chinesische Art …
Die Fahrt selber war äußerst amüsant. Zwar pflegte unser Busfahrer einen durchaus chinesischen Fahrstil (d.h. gewagte Überholmanöver waren an der Tagesordnung) und die Hupe, die er nicht nur benutzte, um bei besagten Überholmanövern auf sich aufmerksam zu machen, sondern überhaupt und generell und aus Langeweile, schien mehr ins Wageninnere denn nach draußen gerichtet zu sein (der Fahrer war übrigens auch der erste, der auf einer Hupe verschiedene Töne erzeugen konnte), aber nachdem wir einmal Jiangsu und damit den Expressway verlassen hatten, wurde die Gegend richtig interessant. Die Städte, durch die wir fuhren, wurden immer kleiner und immer chinesischer, und schließlich ging es nur noch durch Reisfelder, die ab und an von halb bis ganz verfallenen Hütten (zwischendrin immer wieder die schicke und neu erbaute Villa eines lokalen Parteikaders) unterbrochen wurden. Während wir die Hühner und Enten samt ihren Hirten am Straßenrand überholten, beschlich mich immer mehr das Gefühl, sprichwörtlich da zu sein, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen … und doch: hinter dem nächsten Hügel eine kleine Ortschaft, bestehend aus einer einzigen Straße, in der es dafür aber neben dem Tante-Emma-Laden eine Filiale von China Mobile gab (wer hätte gedacht, dass hier draußen über Funkmasten stehen?). Und die Mädchen, die auf einem der Felder arbeiteten, hätten von der Kleidung her auch in eine Shoppingmall in Nanjing gepasst. China, das Land der Gegensätze – wohl wahr.
Abends gegen acht Uhr erreichten wir Tangkou, ein kleines Städtchen mit schweizerischem Flair am Fuß des Berges. Eine freundliche mitreisende Chinesin nahm uns mit zu einem Hotel, dessen vier Stockwerke sich nicht über, sondern UNTER der Rezeption befanden. Für 3€ pro Nase/Nacht konnte man nicht allzu viele Ansprüche stellen, aber wir wollten eh’ nur ins Bett: der Shuttlebus würde uns um 4.50h zum Berg bringen. Dabei hatten wir den Sonnenaufgang doch für den nächsten Morgen geplant …
Freitag, 6. Oktober 2006
In tiefster Finsternis brachte uns ein PKW die Serpentinen hoch zum östlichen Tor des Berges. Am Eingang erstanden wir noch eine Karte und dann ging’s ab in die Wildnis! Okay, so viel Wildnis war’s dann doch nicht. Breite Wege, gut befestigte Treppen – so lässt sich wandern aushalten. Jedenfalls die ersten 1000 Stufen Fröhlich. Den Sonnenaufgang bekamen wir unterwegs mit und gegen neun Uhr waren wir dann oben bei unserem Hotel. Unser Check-In wurde allerdings verzögert durch – die jährlich am Mondfest stattfindende Huang Shan-Massenhochzeit. Zwanzig Hochzeitspaare in westlichem Outfit, dazu Reden einiger lokalen Berühmtheiten, jede Menge Fotografen und zwei wahnsinnige gut gelaunte Moderatoren, die unisono ins Mikrophon brüllten – die schönsten Erlebnisse in China sind die unerwarteten. Fröhlich.
Schließlich konnten wir unsere Zimmer doch noch beziehen (allerdings waren unsere 6-Bett-Zimmer noch nicht geputzt worden und dementsprechend nicht gerade in vorzeigbarem Zustand) und nachdem wir uns unseres Gepäcks (der 8€-Rucksack von “North Face” hat bewiesen, dass Qualität nicht unbedingt ihren Preis haben muss) entledigt hatten, ging es auf zu den nächsten Gipfeln – und zu einem Mittagessen mit der teuersten Instant-Nudelsuppe meines Lebens: 15 Yuan zahle ich in Nanjing für ein komplettes Essen im Restaurant. Aber die überteuerten Preise lassen sich damit erklären, dass wirklich alles von Glasscheiben bis Hühnereiern von menschlichen Trägern (siehe Fotos) nach oben gebracht wird. Allerdings scheinen die von dem Profit nicht besonders viel zu bekommen, denn die meisten, die wir gesehen haben (und auf den Wegen herrscht wirklich ein reger Warenverkehr in beide Richtungen), machten einen unterernährten Eindruck. Auch das ist China – ein Land, in dem menschliche Arbeitskraft so gut wie nichts wert ist.
Ein Wort zur Landschaft: Berge, Bäume (viele Kiefern), Felsen – eigentlich sieht es nicht so viel anders als auf dem Wilden Kaiser (dem einzigen europäischen Berg, den ich aus der Nähe betrachtet habe *g*) aus. Und trotzdem lohnt sich die Reise, denn einerseits ist es eine tolle Abwechslung zum Beton-Dschungel chinesischer Großstädte und andererseits ein typisches China-Erlebnis – auf dem Wilden Kaiser trifft man eben keine 50-köpfigen Touristengruppen mit gleichen Mützen und Wanderstöcken (über deren Sinn und Zweck man mich zu gegebener Zeit bitte noch aufklären möge!), die lautstark den Sonnenaufgang bewundern. Das ist China und genauso liebe ich es!
Den Rest des Tages lasse ich lieber von den Bildern beschreiben, die ihr hoffentlich gleich in meinem Photoblog findet. Allerdings war der herbstliche Mond, denn wir um 22.00h bei heißem Tee und Mondkuchen bestaunten, selbst für Marcus’ neue Kamera zu strahlend – für dieses einmalige Erlebnis müsst ihr also eure Vorstellungskraft bemühen.
Nachdem wir noch kurz beim Karaoke-Vergnügen des Hotels vorbeigeschaut hatten, ging’s auf unsere (getrennten) Zimmer – meine Zimmergenossin ließ mich vor dem Einschlafen noch an der Mini-Playback-Show zur Verständigung dies- und jenseits der Taiwan-Straße teilhaben – wirklich ein bewegendes Erlebnis Fröhlich .
Samstag, 7. Oktober 2006
Wieder hieß es um 4 Uhr aufstehen, damit wir uns für den Sonnenaufgang auch die besten Plätze sichern sollte. Die Frage war nur: wo waren die? Wir schlossen uns einigen zielstrebig voranstrebenden Chinesen an und wurden nicht enttäuscht: zwar war unser Platz wohl nicht der von den Reiseführern empfohlene, denn wir waren die einzigen, aber die Aussicht war trotzdem spitzenmäßig. Wir hatten, wie auch am Tag zuvor, viel Glück mit dem Wetter: oft es so bewölkt, dass man den eigentlich Sonneaufgang nicht sieht, aber heute war die Wolkenschicht in der Mitte aufgerissen und wir konnten zusehen, wie sich die glutrote Sonne von der einen Schicht in die nächste schob. Seht und staunt selbst …
Nach einem kurzen Frühstück machten wir uns dann wieder auf den Abstieg, denn ganz geheuer war uns die Sache mit unserer Rückfahrt noch nicht: bei unserer Ankunft hatten wir im Hotel nachgefragt, wie wir zurückkommen könnten, und daraufhin hatten man uns 160 Yuan abgeknöpft und dafür eine unscheinbare Quittung ohne Unterschrift und Stempel und den Rat, am Samstag um 14.00h am Hotel zu sein, gegeben. Aber wie so vieles in China klappte auch das völlig reibungslos und wir konnten in einem wesentlich komfortableren, aber auch sehr vollen (manache Leute saßen auf Klappstühlen im Gang) Bus unsere Heimreise antreten.
Um viele schöne Fotos und Eindrücke und Muskelkater für mehrere Tage reicher, kamen wir abends wieder in Nanjing an. Der Huang Shan – vielleicht doch nicht mein letzter Berg in China.

