Daily China

Alles rund ums Reich der Mitte

Zhongguo de tedian – Der Verkehr

September9

Bekanntermaßen haben auch die Chinesen zwei Beine, zwei Arme und einen Kopf und führen ein Leben, das dem eines Europäers oder Amerikaners nicht ganz unähnlich ist. Auf den ersten Blick.

Allerdings sind es nun mal oft Kleinigkeiten, die den Unterschied machen. Deswegen möchte ich euch in der Rubrik Zhongguo de tedian (Besonderheiten Chinas) erzählen, was genau einem als Waiguoren (Ausländer) in China so komisch vorkommt.

Unser Thema heute: der Verkehr.

Erstmal zu den Gemeinsamkeiten: es gibt, zumindest in den Großstädten (und auf die müssen wir unseren Vergleich vorerst beschränken) ordentlich befestigte, mehrspurige Straßen, auf denen sich Busse, Autos, Fahrräder und teilweise auch Fußgänger fortbewegen. Desweiteren wird der Verkehr wie bei uns von Ampeln, Schildern und ab und zu Verkehrspolizisten geregelt. Jedenfalls in der Theorie.

In der Praxis herrscht eine strenge Hierarchie innerhalb der Verkehrsteilnehmer. An der Spitze der Nahrungskette stehen natürlich die Busse bzw. deren Fahrer, die hoch erhobenen Hauptes über dem gemeinem Fuß- und Radvolk thronen. An zweiter Stelle kommen die Taxis, die sich zur rechten Zeit das Privileg gönnen, Busspuren zu benutzen, und auch mal unbehelligt einen U-Turn über eine sechsspurige Straße machen dürfen, um sich einen Fahrgast zu schnappen. Nach den Taxis geht es von Mofas steil bergab zu den Fahrradfahrern, die dann nur noch eine Gruppe unter sich haben: die der Fußgänger. Und die sind im Verkehr des modernen Chinas das, was in einer feudalistischen Gesellschaft Sklaven waren. Fußgänger haben nämlich in China mangels eines durchsetzungsfähigen Lautträgers wie Hupe oder Klingel überhaupt keine Rechte. Gut, es gibt manchmal Fußgängerampeln und oft genug auch Zebrastreifen. Aber es kommt nie vor, dass ein Auto an einem Zebrastreifen anhält oder auch nur langsamer fährt. Nein, Zebrastreifen dienen nur dazu, Fußgängern zu signalisieren, wo rein technisch die Möglichkeit bestünde, die Straße zu überqueren – denn in Nanjing sind an fast allen Straßen am Rand Fahrradwege mit Zäunen abgesperrt, durch die man normalerweise nicht durchkommt – außer an Zebrastreifen eben. Aber da nur, wenn man entweder glaubt, dass man sehr schnell Zick-Zack laufen kann, oder ohnehin nicht an seinem Leben hängt.

Ich habe mir allerdings in den letzten Tagen (gezwungenermaßen) die Taktik der Chinesen angeeignet. Als Europäer ist man anfangs zu sehr von diesem Leaping Frog-Spiel (ihr wisst schon, das, wo der Frosch am Ende immer zerquetscht wird) beeinflusst. Zur Erinnerung: in diesem Spiel kann man sich immer nur in wohl definierten Spuren nach vorne bewegen. Und genauso darf man es auf chinesischen Straßen eben nicht machen. Stattdessen bewegt man sich schrittweise vor und versucht, auf einen zukommende Autos in die Nebenspur abzudrängen. Der geneigte chinesische Autofahrer wird dieser diskreten Bitte nachkommen und auf diese Weise tastet man sich langsam vor. Es kann natürlich auch vorkommen, dass während dieses Prozesses die Ampel in der Querstraße grün wird und man sich plötzlich in einem reißenden Strom von Mofas, Autos, Bussen und Fahrrädern wiederfindet. In diesem Fall: ruhig stehen bleiben, einmal kurz ein Mantra an Buddha ausstoßen – und die Zeitanzeigen neben der Ampel beobachten, denn die zeigen einem in Nanjing an wirklich jeder Straßenecke an, wer wie lange noch grün bzw. rot hat.

Auch für den Fall, dass alles gut geht, braucht man sich nicht zu wundern, wenn man angehupt wird. Hierbei handelt es sich keineswegs um eine bösartige Verwünschung. Denn im Gegensatz zu Deutschland, wo die Hupe als Mittel zur Warnung und zum Ausdruck der Verärgerung verwendet wird, dient sie in China lediglich als Hinweis, dass man sich jetzt nähert. Das erklärt auch, warum Chinesen sie ständig benutzen, und das wiederum, warum es die Schilder gibt, die ihr auf dem einen Foto seht.

Apropos Schilder: denen ist in Nanjing auch nicht zu vertrauen. Denn so ein Schild wie das auf Bild 4 heißt nicht etwa, das die nächste Straße rechst die Ninghailu ist und die danach die Hankoulu. Nein, das heißt nur, dass man irgendwann auf die Ninghailu treffen wird, wenn man demnächst links fährt. Das heißt, dass diese Straße durchaus auch parallel zur eigenen Straße verlaufen kann. Noch Fragen?

Zu guter Letzt noch ein Wort zu Spuren in China. Wie bereits erwähnt, sind die meisten Straßen Nanjings mehrspurig und haben auch einen eigenen Fahrradweg. Allerdings lautet ein Grundsatz der Chinesen: „Die Spuren sind für den Menschen da und nicht umgekehrt.“, was im Verkehr heißt, dass nach Belieben neue Spuren, gerne auch auf der Gegenfahrbahn, eröffnet werden können, und bereits vorhandene (Fahrradwege z.B.) auch von anderen Fahrzeugen (z.B. Autos) genutzt werden können. Allerdings muss man seine Absichten dem anderen mitteilen – wer in diesem Fall jedoch zum Blinker greift, hat sich schwer in der Konsequenz der Chinesen getäuscht – auch hier hilft natürlich nur die Hupe!

Fotos

Google Buzz

Post to Twitter Tweet This Post

Email will not be published

Website example

Your Comment: