Daily China

Alles rund ums Reich der Mitte

Warum nach China?

Mai17

Nicht nur in Auswahlgespräch wird man ja gefragt, warum man unbedingt nach China gehen will. Und nachdem ich mich nun einerseits in unserer Gruppe umgehört und festgestellt habe, dass bei den einzelnen die Motivation für das Jahr in China äußerst unterschiedlich ist, und ich andererseits gemerkt habe, dass sich auch meine eigenen Schwerpunkte im Laufe der Zeit verschoben haben, glaube ich, dass es doch mal an der Zeit ist, meine eigenen Beweggründe darzulegen.

Dazu sollte ich wohl auch kurz erläutern, wie und warum ich angefangen habe, Chinesisch zu lernen. Am Anfang stand die Idee, nach den ganzen romanischen Sprache etwas völlig Anderes zu lernen. Schnell stellte ich jedoch fest, dass es recht schwierig ist, Chinesisch von einer Kassette zu lernen, wenn man den Schulunterricht gewöhnt ist und keine Ahnung vom Selbststudium hat. Deswegen war ich sehr begeistert, als ich an meiner Schule einen Aushang entdeckte, auf dem Sammelkurse für selten gelernte Sprachen (u. A. eben auch Chinesisch) angeboten wurden, die für alle Münchner Gymnasiasten offen sind. Ich belegte dort also erst einen Anfängerkurs und wechselte nach einem halben Jahr in den K12-Grundkurs, in dem ich bis zu meinem Abi blieb. Seit Beginn meines Studiums besuche ich den Kommunikationskurs an meiner Uni und versuche, auch außerhalb davon durch Sprachpartner und Selbststudium (inzwischen habe ich in dieser Hinsicht dazu gelernt ) am Ball zu bleiben. Soviel also zur Sprache. Aber wie ihr selbst wahrscheinlich schon festgestellt habt, gehört zum Spracherwerb eben nicht nur Grammatik und Vokabeln, sondern auch zu einem nicht geringen Teil Landeskunde – und das gilt umso mehr für Chinesisch, dessen Kultur uns trotz aller Berührungspunkte im täglichen Leben immer noch recht fremd ist. Denn obwohl wir beinahe wöchentlich von der neuen Supermacht im Osten in den Medien lesen und hören, wurde ich, als ich erzählte, dass ich in Shanghai einen Sprachkurs machen möchte, von einer Mitschülerin doch tatsächlich gefragt, wo das denn überhaupt läge … Wie dem auch sei, dadurch, dass ich Chinesisch lernte, wurde ich plötzlich auf jeden Artikel und jeden Fernsehbericht, der China auf die eine oder andere Weise thematisierte, aufmerksam (gemacht – auch mein Umfeld war auf einmal für China sensibilisiert; soviel zum Thema selektive Wahrnehmung ). Gerade im letzten Jahr habe ich dann auch gefangen, gezielt Bücher zu bestimmten China-relevanten Themen zu lesen und durch das Studium lernte ich auch mehr Chinesen persönlich kennen. Dabei stellte ich fest, dass – große Erkenntnis – es zwischen „Westlern“ und Chinesen zwar viele Gemeinsamkeiten, aber auch grundlegende, wirklich fundamentale Unterschiede gibt. Nie wurde mir das klarer als bei folgender Begebenheit: ich habe eine gute chinesische Freundin, die aus dem weltoffenen Shanghai kommt, perfekt Deutsch spricht und inzwischen auch hier studiert. Äußerlich und von ihrem Verhalten im Alltag unterscheidet sie sich kaum von meinen deutschen Freundinnen. Als ich mich aber einmal mit ihr über Chinas Politik im Allgemeinen, über Mao, Taiwan, Tibet und andere „Vorfälle“ unterhalten habe, hat sie mich völlig überrascht, indem sie – meinem ersten Impuls nach ohne jegliches eigenes Nachdenken – zu sämtlichen dieser Fragen die Parteilinie „heruntergebetet“ hat. Und zwar wortwörtlich (inklusive „Mao ist zu 70% gut und zu 30 % schlecht“). Zuerst möchte man meinen, dass hier die Indoktrination durch die Partei wirklich gut funktioniert hat und dass das nur ein weiterer Beweis dafür ist, dass China noch weit von einer Demokratie entfernt ist. Aber danach sagt meine Freundin noch etwas, was mich nachdenklich gestimmt hat: China sei eben ein sehr großes Land mit ganz anderen Problemen, als wir in Deutschland uns das vorstellen könnten. Und um herauszufinden, ob daran etwas Wahres ist, ob wir von unserem westlichen Standpunkt vielleicht wirklich viele Dinge zu einfach und zu undifferenziert sehen, möchte ich nach China gehen. Mir ist klar, dass ich als Ausländer nie wirklich Teil der chinesischen Gesellschaft sein werde, aber ich hoffe trotzdem, dass ich vor Ort einen besseren Einblick bekommen kann.

In meinem Auswahlgespräch wurde ich gefragt, ob nicht auch die Möglichkeit einer großen persönlichen Enttäuschung bestehe, falls ich herausfinden sollte, dass „die Chinesen“ doch Recht haben mit ihrer Weltsicht. Das sehe ich nicht so. Denn die Tatsache, dass ich verstehe, warum in China bestimmte Dinge so und nicht anders gehandhabt werden, heißt ja nicht, dass ich mir diese Sichtweise zu eigen machen muss oder meine eigene falsch ist.

Das ist also sozusagen der Grundgedanke meines China-Aufenthalts. Natürlich geht es mir auch darum, meine Sprachkenntnisse zu verbessern, viel von diesem wunderschönen Land zu sehen, in einer völlig anderen Umgebung „zu mir selbst“ zu finden und nicht zuletzt auch ein bisschen Spaß zu haben . Aber das eine schließt das andere ja nicht aus …

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